Im Schaufenster der Konditorei Namür sah ich Glocken aus Croquante stohen, weiß begußt mit dem Ostergruß: «Heureuses Pâques.»
Bisher hatten wir Ostereier und Osterhasen, Herr Namür beschert uns dazu auch noch die Osterglocken (o wie sie läuten, o wie sie locken!)
Als ich andern Tags davon kaufen wollte, um guten Freunden eine Überraschung zu bereiten, waren keine mehr da.
Sie scheinen also Anklang gefunden zu haben. Für Glocken ist das nicht mehr als recht und billig.
Werden nunmehr die Osterglocken die Ostereier und die Osterhasen verdrängen?
Ich glaube es nicht. Sie werden ihnen in Zukunft eine scharfe Konkurrenz machen, aber die Eier jedenfalls sind so stark in unserm Ostergedanken verankert, daß sie den lockendsten Glocken nicht weichen werden. Der Osterhasen kam viel später, er kam, darf man sagen, mit dem Weihnachtsbaum über die Mosel herüber. Jetzt hat er sich anscheinend dauernd eingenistet, wenigstens in den Konditorschaufenstern. Auch der Aprilfisch macht schüchterne Versuche, als Ostertier in die Begleiterscheinung zu treten, ohne bis jetzt durchgedrungen zu sein.
Das Ei ist mehr als Dotter, Eiweiß und Schale, es ist ein Symbol. Es ist das Symbol des Keims, aus dem alles Leben sich entwickelt, und gewissermaßen auch das Symbol des Frühlingserwachens, weil das junge Jahr die Hühner zum Eierlegen begeistert. Wie aber der Volksmund dazu kommt, dem Osterhasen das Eierlegen anzudichten, weiß ich in diesem Augenblick nicht mehr. Jedenfalls ist es grade dieser naturgeschichtliche Unsinn, der dem Kinderglauben an den eierlegenden Osterhasen seinen Bestand gibt. Das Kind glaubt da am liebsten und stärksten, wo es wirklich etwas zu „glauben“ gibt, etwas, was über das alltäglich Sichtbare und Natürliche hinausgeht, ein Märchen und ein Wunder - ein Hase der Eier legt und ein Storch, der die Kinder bringt.
Gegen diesen Glorienschein aus rosa Märchennebel hat die Osterglocke zu kämpfen. Aber sie kann auch mit Wunder und Märchen auftrumpfen. Sie kommt von ihrer sagenhaften Reise nach Rom zurück und hat die Gärten überflogen, aus denen die reifen Apfelsinen kommen und die Mimosabüsche und die weißen und roten Nelken und der Flieder aus dem Süden. Sie hat die weißgrünen Gletscher überflogen und die rauschenden Flüsse, in denen die Gletschermilch schäumt. Sie kann etwas erzählen. Sie ist nicht stumm, wie die Eier und die Hasen, sie hat eine Stimme, die über Dörfer und Städte, über Fluren und Wälder und Berg und Tal klingen kann, wenn sie will. Und der große Schiller hat eines seiner schönsten Gedichte auf sie gemacht. Wir haben das Lied von der Glocke, aber wir haben noch nicht das Lied vom Ei oder das Lied vom Hasen. Die Glocke geht auch nicht gackernd auf dem Mist spazieren, wie das Huhn, das ein Ei legen will, sie fällt nicht auf unsauberen Grund, wie manchmal das Ei, sie hängt in den Lüften über den Tempeln der Gottheit, hoch über den Gemeinheiten der Straße, ihr Klang ist Speise der Seele, und nie kannst du von Glockenklängen einen verdorbenen Magen bekommen, wie von Ostereiern.
Die Glocke gehört zu uns, denn auch sie war eine Märtyrerin des Kriegs. Sie wurde heruntergeholt aus ihren Höhen und gewaltsam zur Kanonenspeise erniedrigt. Sie stand auf der Seite, wo die Opfer des Krieges standen - das Ei aber stand auf der Seite, wo im Krieg Geld verdient wurde und wo noch heute die Kriegsgewinner stehen.
Das Ei ist zu einem Symbol der Teuerung und Ausbeutung geworden, wie Butter und Leder.
Die Glocken kommen zu Ostern grade recht, um ihm Konkurrenz zu machen.