Original

8. April 1920

Frantz Clement, betet im „Escher Tageblatt“ reuig sein mea culpa wegen einer angeblichen Sprachsünde, die er begangen haben will. Er schreibt:

„Ich mußte mir letzthin eine derbe Sprachlektion gefallen lassen. In einem Leitartikel des „E. T.“ sprach ich von den Berliner „Staatsstreichlern“. Als ich am nächsten Tag die „Frankfurter Zeitung“ öffnete, stieß ich im „kleinen Fouilleton“ auf eine gegeharnischte Kapuzinerpredigt gegen die Sprachverderber, die nach dem Beispiel des Reichspräsidenten Ebert die Herren Kapp und Genossen „Staatsstreichler“ nannten. Ein Staatsstreichler könne nach richtigem Sprachgebrauch nur ein Mann sein, der den Staat streichle und von der Kapp-Gesellschaft könne man das doch mit dem besten Willen nicht behaupten. Das leuchtete mir sogleich ein; ich stützte den Kopf in die hohle Hand, sog nachdenklich an der Zigarette und schämte mich.“

Ich hätte mich nicht gewundert, wenn der gute Frantz in jenem Augenblick nicht den Kopf in die hohle Hand, sondern den hohlen Kopf in die Hand gestützt hätte. Er muß wirklich keine drei Sekunden nachgedacht haben, sonst hätte er dem Frankfurter Kapuzinerprediger Bescheid gesteckt, wer die Sprache verdirbt. Du brauchst dich nicht zu schämen, mein lieber Frantz, weil du Staatsstreichler geschrieben hast, aber schämen sollst du dich, daß du dich deshalb geschämt hast.

Staatsstreichler ist ein Wort, das in der deutschen Sprache durchaus heimatberechtigt ist und gar nichts Verderbtes an sich hat. Und wenn der Kapuzinerprediger der Frankfurter Zeitung das Gegenteil behauptet, so beweist er, daß er im deutschen Sprachschatz nicht Bescheid weiß und daß er sich ein höchst oberflächliches Urteil erlaubt. Er hält die zwei gleichklingenden Wörter Streichler von Streich und Streichler von Strich zusammen und spricht dem einen davon die Daseinsberechtigung ab. Und zwar ausgerechnet demjenigen, das am wenigsten diesen Hinauswurf verdient.

Wenn man von Tisch Tischler und von Wurst Wurstler gebildet hat, oder gar von Umsturz Umstürzler, warum darf man dann von Staatsstreich nicht Staatsstreichler bilden? Ein Staatsstreichler braucht ebenso wenig mit streicheln zusammen zu hängen; wie Bettler mit Bett.

Es gibt eine Menge deutsche Zeitwörter auf eln, die dieser Endsilbe eine besondere Bedeutung verdanten. Sie hängt an das Stammwort die Bedeutung des Diminutivs, des Zerkleinerten, des Komischen, Niedlichen, nicht ganz ernst zu nehmenden, des Zappeligen. So tänzeln von Tanz, gängeln von Gang, betteln von Bitten, notdürsteln, kriseln, funkeln, witzeln - so streicheln von Strich und streichen.

Im selben Sinn sind Dingwörter mit jener zappeligen Endung neu gebildet worden, aus dem Empfinden heraus, daß ihnen damit eine in gewissem Sinn pejovative Bedeutung verliehen wird. Wen sie bezeichnen, dessen Tätigkeit ist nicht ganz ernst zu nehmen, er verzettelt seine Kraft, er wirkt verkehrt und mehr oder weniger komisch. Hosler nennt man z. B. im Bayrischen den Mann, dessen Hose sich durch nachlässigen Faltenwurf bis auf das Schuhwerk herunter auffällig macht. Ein Prachthosler war z. B. der letzte Bayernkönig Ludwig Ein Krittler ist der Kritiker, der kleinlich, übellaunig, ohne weite Gesichtspunkte urteilt und über den man lächelnd die Achseln zuckt. Das Lächeln selbst ist ein verkleinertes, zerkleinertes Lachen.

Und so ist der Staatsstreichler ein Staatsstreichverüber in verkleinertem Maßstab, einer, der zum richtigen Napoleon nicht das nötige Format, die notigen Mittel, die nötige Hilfe aus der Zeit heraus hat. Einer der will und nicht kann, einer, über den man lacht oder den man verachtet.

Die Sprache dieses malerischen Wortes berauben wollen, blos weil es gleich lautet mit einem andern, das man freilich mit viel gutem Willen bilden kann, aber das keinen Sinn hat, das heißt denn doch den allerschlimmsten Purismus Trumpf machen. Dann dürfte niemand mehr Wörter gebrauchen, wie geschickt, verschieden, Leiter usw., weil sie zwei verschiedene Bedeutungen haben. Solche kurzsichtigen Schulmeisterseelen, wie der Kapuzinerprediger der „Frkft. Zeitg.“ haben keinen Dunst davon, wie sich eine Sprache selbst aus sich heraus, dank den lebendig wirkenden Ke@en ihrer Gesetzmäßigkeit, immerfort bereichern kann und bereichern muß.

Also Frantz, ein nächstes Mal stütze nicht gleich den Kopf in die hohle Hand - die Nähe wirkt ansteckend - und schäme dich nicht gleich auf guten Glauben drauf los, wenn ein Frankfurter Schulfuchser dich anblödelt.

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    Katalognummer BW-AK-008-1639