Original

9. April 1920

Ein Abonnent teilt uns mit, sein Dorfpfarrer habe ihm die Lossprechung verweigert, weil er auf die „Luxemburger Zeitung“ abonniert ist.

Es ist ja wahr, die „Luxemburger Zeitung“ ist bei Strafe der ewigen Verdammnis verboten. Wir hatten es vergessen. Wir hatten es über allerhand anderen Dingen vergessen, die vielleicht wichtiger sind u. die Aufmerksamkeit der Menschheit in noch höherem Maße in Anspruch nehmen, als das Zeitungsverbot des verstorbenen Bischofs Koppes. Wir hätten gedacht, auch der Luxemburger Klerus habe in diesem Augenblick andere Aufgaben, als gegen die Linkspresse scharf zu machen. Hunderttausend Luxemburger z. B. wären innig dankbar, wenn er den Kriegswucherern unter seinen Schäflein das Gewissen schärfte und das Seinige dazu beitrüge, daß wir für die Butter nicht wieder 10 Franken bezahlen müssen, Statt daß er sich den Kopf zerbricht, wie er der „Luxemburger Zeitung“ einen Abonnenten abjagen soll.

Ich weiß nicht, ob sie im Himmel Zeitungen lesen. Wenn ja, so bin ich, wie ich den lieben Herrgott kenne, überzeugt, daß bei ihm auch die „Luxemburger Zeitung“ aufliegt. Er weiß, daß wir nichts gegen einander haben und er schüttelt den Kopf über die wackeren Pfarrer, die noch immer meinen, für das Seelenheil ihrer Schäflein zu wirken, wenn sie gegen die andersdenkende Presse wettern. Er weiß sehr gut, daß das Verbot der Linkspresse keinen religiösen, aber einen geschäftlichen Hintergrund hatte. Damals schritt der klerikale Zeitungsgeneralstab zu einer großen Mobilmachung. Ein Politiker, der ihnen heute schwer auf dem Magen liegt, war damals der erste Tenor im Ausrufen der Parole. Er erklärte in öffentlicher Kammersitzung speziell der „Luxemburger Zeitung“ den Krieg, nicht weil sie die religionsfeindlichste war, sondern weil sie die meisten Abonnenten hatte. Diese Leute begnügen sich nicht, wie andre Geschäftsfirmen, mit dem Anziehen von Kunden, ihre Lieblingstaktik gipfelt darin, andern die Kunden abzutreiben. Leben, aber nicht leben lassen! Dem braven Herrn Koppes wurde weisgemacht, nur durch ein umfassendes Verbot der links stehenden Zeitungen könne sein Sprengel vor dem Schicksal Sodoma’s und Gomorrha’s gerettet werden.

Im Krieg wurde der Bannstrahl allmählich matt und stumpf. Die Leute hatten wichtigeres zu tun, als dem Anreißen der klerikalen Presse Gehör zu schenken. Nur die ganz durchdrungenen Koppesjünger blieben hart, und auch heute scheint es einzelne zu geben, die sein Wort noch tragisch nehmen, die darauf giepern, im Land wieder frisch fromm fröhlichen Streit anzublasen.

Wenn man einem Ausländer, und sei es der frömmste Katholik, erzählt, daß hier ein Bischof die Kateridee gehabt hat, alle Zeitungen zu verbieten, die in politischem Gegensatz zur Rechtspartei stehen, so zuckt er die Achseln. Sowas gehört in die Zeit, wo man den Ideen mit hölzernen Schlagbäumen in den Landessarben den Weg über die Grenze versperren wollte.

Ob die Aera Koppes abeschlossen sein soll oder nicht, ist eine Angelegenheit, die außerhalb unserer Interessensphäre liegt. Wir werden dadurch nicht berührt. Wir sind die Zuschauer, die gelegentlich dazu ihre Glossen machen, ohne den Anspruch zu erheben, daß die Nächstbeteiligten darauf reagieren. Wir können unsern Lesern nur raten, sich mit derselben Wurschtigkeit zu panzern. Sie dürfen, wie gesagt, überzeugt sein, daß sie dabei die volle Billigung des lieben Herrgotts finden, wenn einmal die Sache vor seinen Thron kommen sollte.

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    Katalognummer BW-AK-008-1640