Original

13. April 1920

Die Kirschen haben ja diesmal zum verblühen eine ungünstige Zeit gewählt. Aber ab und zu ist in den bräutlich weißen Kronen doch die geheimnisvolle Feierlichkeit des Werdens, wenn zwischen zwei Aprilschauern die Sonne regiert und die Blütenkelche trocknet. Heute morgen stand ich am Fenster, und auf mich zu kam das drängende Gewähren der voll erblühten Kirschbaumkrane. Der leise Orgelklang der taumelnden Immen summte in dem weißen Wunder, das unsaglich frühlinghaft vor dem Samt einer junggrünen Wiese stand.

Just hatte der Briefträger die Montagmorgenpost gebracht. Dabei fand ich ein Merkblatt von N. P. Kunnen über die Bienenzucht im Großherzogtum Luxemburg. Das traf sich wie gewünscht. Der summende Kirschbaum war mir eine Mahnung gewesen, von den Imkern wieder einmal ein Wort zu sagen, und flugs kommt mir der Bienenvater zu Hilfe.

Er erzählt von Bienen und Stöcken und Imkern von den Zeiten Maria-Theresia’s bis auf unsere Tage. Es ist erstaunlich, was diese Maria Theresia für eine Mordsfrau gewesen sein muß. Sie hat schon 1775 ein Edikt erlassen, das den Bienenzüchtern große Freibeiten und Vergünstigungen gewährte. Stellen Sie sich das bitte vor: Eine Kaiserin, die genau weiß, was sogar den Imkern nottut, und sich hinsetzt und ein Edikt hinflitzt, worin sie sagt: Die Imker kenne ich, das sind feine Leute, daß mir denen keiner Knüppel in die Räder steckt, sonst kriegt er es mit der Maria Theresia zu tun! - Dafür hatte sie, schätze ich, aber auch jeden Tag ihr Gläschen blonden Blütenhonigs auf dem Frühstückstisch stehen mit Wiener Semmeln und konnte auf Hunyadi Janos ganz verzichten.

Zur Zeit, wo wir das französische Wälderdepartement waren, im Jahre XI, erschien eine amtliche Aufforderung zur Förderung der Bienenzucht, und zwar des Wachses wegen, von dem Frankreich damals für über 30 Millionen brauchte. Inzwischen wurde das Kerzenwachs von Stearin und Petroleum verdrängt und die Welt ist dafür immer noch nicht besser geworden.

Im Jahre 1811 wurden speziell die Angehörigen der Forst- und Wasserbanverwaltung zur edlen Imkerei angehalten, „weil das ihren Interessen und den Plänen der Regierung entsprach“. Wir werden später sehen, welche Absichten die Regierung dabei wahrscheinlich verfolgte.

Inbezug auf Veredlung der Viehrassen wußten wir alle, daß die Regierung belgisches Pferdezuchtmaterial. Simmentaler Rinder, Yorkshire-Schweine und Schweizer Ziegen einführte, daß unsere Kaninchen- züchter aus ihren Ställen richtige internationale Harems gemacht haben, wo sich das Blut von Nord und Süd und Ost und West übers Kreuz vermischt. Aber wußten Sie, daß auch auf dem Gebiet der Imterei die Rossenkreuzung schon ihre Orgien gefeiert hat, daß wiederholt der Versuch gemacht wurde, italienische und Krainer Bienen bei uns einzuführen, aber daß sich schließlich die schwarze Einheimische stegreich behauptet hat? Das alles erzählt Herr Kunnen, und dann von den allerhand Bienenstöcken, von dem horizontalen Oettl und dem vertikalen Berlepsch, von der Gründung der Imkervereine und des Landesverbandes usw. usw.

Eines las ich nicht ohne eine gewisse Bewegung: Eine Anzahl Bienenzüchier, die auf der Landesausstellung 1875 Freundschaft geschlossen hatten, traten 1876 zusammen, um einen Kantonalimkerverein zu gründen. Es gab also eine Zeit, wo auch wirtschaftliche Interessengemeinschaften auf der Grundlage eines Freundschaftsbundnisses geschlossen wurden? Wie naiv und versunken das heute klingt!

Ich übergehe Jahre und Jahrzehnte und verweile eine Sekunde bei einer Stelle aus dem Schlußabschnitt. Herr Kunnen schreibt: „Wir stellen mit Genugtuung fest, daß die Mitglieder unseres Klerus und besonders unsere Lehrer sich mit Eifer der Vervollkommnung der Bienenzucht widmen.“

Das wäre ja ein Triumph der Imkerei, wenn sie Lehrer und Pfarrer unter dem Hut jener Freundschaft wieder zusammenbrächte, die bei dem ersten Bienenzüchterverein Gevatter gestanden hat. Die Freundschaft wird freilich auf Gegenseitigkeit beruhen und auf allerhand frühere Niveauunterschiede verzichten müssen.

Die Imkerei kann vielleicht noch viel mehr. Ich bin überzeugt, wenn jeder Umstürzler, jeder Soldat der Roten Anmee, jeder Klassenkampfenthusiast ein paar Bienenstöcke besäße und besorgte,, würde die Welt sehr bald zur Ruhe kommen. Alle würden lernen, daß Ordnung nur durch Unterordnung erreicht wird, daß Dreinschlagen nichts hilft, daß alles, was ist, in der Ordnung der Dinge seinen Zweck erfüllt, daß die Gleichheit im Staat praktisch Unsinn ist usw. usw. Und alle hätten obendrein ihren Honig und ihr Wachs - und ihren Zeitvertreib.

Vielleicht hat aus dieser Einsicht heraus die franzöfische Forstverwaltung 1811 die Bienenzucht empfohlen, damit es wieder Ruhe gäbe in Europa.

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    Katalognummer BW-AK-008-1642