Herr Dr. Pauly, hat also sein und der Seinigen Leben buchstäblich in die Schanze geschlagen, um ein ballspiolendes kleines Mädchen nicht totzufahren.
Er, der als Arzt gewöhnt ist, Leben zu retten, wollte ein blühendes junges Leben, das ihm in die Räder lief, nicht vernichten. Und die Reflexbewegung, zu der ihn sein Berufsgewissen anstieß, brachte dafür vier andre Menschenleben, darunter das Seinige, in Gefahr.
Die Kleine, die den Unfall verschuldet hat, wurde hinterher vielleicht tüchtig ausgeschimpft, vielleicht geohrfeigt, vielleicht auch nur unter Tränen abgeküßt. Herrn Dr. Pauly wäre es, wenn es anders gekommen wäre, wahrscheinlich schlimmer ergangen, trotzdem ihn keine Schuld traf.
Der Fall, wie er liegt, gibt zu denken.
Erstens und vor allen Dingen: Die Straße gehört dem Verkehr. Sie ist nicht als Kinderspielplatz gebaut. Wie intensiv der Verkehr sich auf einer Straße gestalten kann, ist nicht abzusehen. Auf dem Boulevard des Italiens in Paris ist er intensiver, als in der Großstraße zu Schlindermanderscheid Wenn in Schlindermanderscheid die Kinder auf der Straße Ball spielen und die Frauen ihren Schwatz halten, so könnte man sich indes nicht gut vorstellen, wie in Paris auf dem Boulevard des Italiens die kleinen Mädchen Seil springen oder die Männer im Kreis stehend ihre Pfeife schmauchen könnten.
Die Straße gehört also dem Verkehr genau in dem Maße, in dem der Verkehr sie jeweilig in Anspruch nimmt, und wenn der Verkehr einmal ausschließt, daß die Kinder weiter auf der Dorfstraße spielen, müssen sie ihre Spiele oben anders wohin verlegen.
Da, wo die Eisenbahn durch Dörfer führt, fällt es niemanden ein, zu verlangen, daß die Buben und Mädels zwischen den Zügen auf dem Bahnkörper Blindeluh spielen dürfen und daß der Lokomotivführer eingesperrt wird, wenn ihm eines unter die Räder läuft. Unsre Straßen werden aber mit der Zeit gefährlicher, als ein Bahndamm, auf dem höchstens alle halbe oder ganze Stunden ein Zug vorbeifährt. Die Zahl der Automobile hat in unserm Lande seit Monaten die Zahl tausend überschritten. Wir haben aber nur rund 2000 Kilometer Staatsstraße im Land. Genau sind es 2083 Kilometer und 567 Meter, wie mir ein liebenswürdiger Herr aus dem Regierungsbauamt mitgeteilt hat. Wenn also an einem schönen Frühlingssonntagnachmittag alle Autos draußen auf Staatsstraßen sind, so kommt eins auf alle 2 Kilometer, bezw. auf alle 4 Minuten, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Kilometer in der Stunde. Wo bleibt da noch Zeit für die Dorfjugend, sich mit ihren Spielen auf der Straße heimisch zu machen?
Es ist ja gut und in gewisser Beziehung wichtig und notwendig, daß kleine Mädchen Ball spielen - auf der Straße, wenn sie sonst dazu keinen Platz finden. Es ist aber auch wichtig, und in gewisser Beziehung notwendig, daß Auto gefahren wird. Wenn nun ein Arzt mit seinem Auto über die Straße fährt, die dazu da ist, so übt er ein unbestreitbares Recht aus. Spielt ein kleines Mädchen auf derselben Straße Ball, so ist das nur mit gewissen Einschränkungen sein angestammtes Recht. Kommt es nun aber dazu, daß die beiden Rechte kollidieren, was dann? Hat dann eben der Schwächere Unrecht? Hätte Dr. Pauly die kleine Ballspielerin überfahren, so hätte ihn nach Lage der Dinge kein Vorwurf getroffen, aber er wäre von Manchem verflucht worden, wie jeder, der Auto fährt. Die Konzession, die er machte, konnte ihm und andre das Leben kosten. Was war damit gebessert?
Da kein Vernünftiger daran denkt, dem Fortschritt in den Arm zu fallen und das Autofahren durch die Dörfer zu verbieten, so muß eben die Vorstellung Platz greifen, daß mit der Zeit die Straße ebenso unsicher wird, wie es die Eisenbahn ist, und daß sich davon fernhalten soll, wer nichts darauf zu tun hat.
Mit der Verlangsamung des Tempo’s ist erfahrungsgemäß wenig erreicht. Je langsamer ein Auto durch’s Dorf fährt, desto waghalsiger gebärden sich die Buben und die Mädchen. Ich fuhr eines Tages mit einem Freund, einem durchaus sicheren und zuverlässigen Fahrer, im Zehnkilometertempo eine abschüssige Stelle in einem Dorf hinunter, als ein Knirps, der den Moment abgepaßt hattte, dicht vor dem Wagen über die Straße sprang. Ein Fehltritt und er war verloren, und mein Freund wäre wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. So blockierte er den Wagen, stieg ab und ohrfeigte den kleinen Wagehals nach Noten. Die Mutter schimpfte auf uns, wie eine Rohrspätzin, statt ihrem Sprößling ihrerseits die Jacke vollzuhauen.
Vor dem Zug hat ja die Kinderwelt heillose Angst, da springt Keines vor der Lokomotive hinüber seinem Ball nach. Warum wird ihr nicht dieselbe Vorsicht vor den Automobilen anerzogen?