Der Luxemburger, der sich im Internationalismus verliert, hat viele Merkmale, an denen ihn ein Landsmann sofort erkennen kann. Keines ist so deutlich, wie seine Schrift.
An der Schrift der Luxemburger erlebt die Graphologie ihren größten Triumph. Nichts ist so bezeichnend für unsern Charakter, wie unsre Handschrift.
Seht die typische französische, deutsche, englische Schrift: Sie ist mit keiner andern zu verwechseln. Der Durchschnittsfranzose schreibt eine spitze, zierliche, elastische, aber feste und deutliche Hand. Die Buchstaben sind schlank und biegsam, wie Gerten, aber entschlossen und energisch wie Fechter. Die deutsche Schrift ist militärisch stramm, sauber ausgerichtet, wie gestochen, die englische von nüchterner Klarheit und Einfachheit, wie die Sprache, der sie als Bild dient.
Und nun soll einer versuchen, die luxemburger Schrift zu charakterisieren! Es gibt keine zwei Luremburger, von denen man sagen kann, daß sie die gleiche Schrift aus der Schule mitgebracht haben. Es hat hier noch nie ein Kalligraphielehrer gelebt, der wirklich Schule gemacht hätte, der einer Generation von Luxemburgern seine Handschrift derart beigebracht hätte, daß man von einer Gemeinsamkeit von Grundmerkmalen reden könnte. Die Schrift eines jeden wächst sich in ungebundener Freiheit aus, wie seine Finger, seine Ohren, seine Nase, seine Beine. Sie wird krumm oder grade, steil oder geneigt, schön oder häßlich, sauber oder verworren, je nachdem es im Charakter des Mannes liegt. Ich mache mich anheischig, aus tausend Schriften die meiner Landsleute herauszufinden. Sie ist unbeholfen, eigenwillig, kratzbürstig und widerhaarig, hochnäsig oder pedantisch, vornehm oder proletarisch, wie es ihr paßt, sie will sich keinem Joch und keinem Kommando beugen. Selbst wenn einer geschäftshalber sich eine kaufmännische Klaue angewöhnt hat, guckt zwischen den Buchstaben überall der Luxemburger hervor. Unsre Schrift ist, möchte ich sagen, wie der luxemburger Grächen, bald von einem guten, bald von einem schlechten Jahrgang, bald ganz sauer, bald auch unverzuckert trinkbar, aber immer ein vortreffliches Grundmaterial, aus dem ein gewiegter Chemiker etwas machen kann, ein Wildling, auf den sich die edelsten Sorten pfropfen lassen.
Wildlinge müssen sein, das sagt Ihnen jeder Rosenzüchter, und wenn keine mehr wild wachsen, müssen sie künstlich gezogen werden. Aber die wild wachsen, sind immer die besten.
Ich habe mich immer über unsre Schriftenanarchie gesreut. Wenn in den Zeitungen Tintenströme darüber vergossen wurden, wie nötig es sei, unsre Ju- gend mehr kalligraphisch zu erziehen, freute ich mich heimlich über das Durcheinander, dessen niemand Herr wurde. Es wird ja immer weniger nötig, den Menschen im allgemeinen und den Luxemburgern im besondern eine einheitliche Handschrift beizubringen, da sich der Gebrauch der Schreibmaschine immer mehr verallgemeinert. Unsre Schrift bleibt uns zuletzt als etwas kostbar Persönliches, etwas ganz und gar Eugenes und Eigenartiges, wie unser Gesicht. Freuen sollen wir uns, daß unter uns solche Prachtexemplare von Handschriften wachsen, die den Charakter der Leute in den Tag trompeten und ihn nicht in einer Uniform verstecken. Das ist auch eine Art von Aufrichtigkeit und Freimut, die sich in der Handschrift verrät. Wir geben uns in unsrer Schrift - ich darf sagen in unsrer nationalen Schrift, deren besonderes Merkmal darin besteht, daß sie keines hat - wir geben uns darin ohne seelische Bügelfalten, kraus und krumm, grade und einfältig, gut oder schlecht, schlau oder naiv, treu oder heimtückisch, wie wir sind, wir sind dank unsrer durchaus persönlichen Handschrift jedem einigermaßen scharfsinnigen Graphologen ein offenes Buch.
Unsre Nachbarn sollten eine Mauer um uns bauen und alles aufbreten, damit wir erhalten bleiben, wie wir sind, statt daß sie uns einstampfen wollen.