Original

16. April 1920

Ein Impresario ließ kürzlich an die Gemeindeverwaltung eines luxemburgischen Landstädtchens folgendes Schreiben gelangen:

„Im Auftrag des Hrn. Sylvéro bitte ich ergebenst um Erteilung der Erlaubnis zur Abhaltung eines Experimental-Abends auf dem Gebiete der Telepathie und Wachsuggestion. Gleichzeitig wäre ist zu großem Dank verpflichtet, wenn mir der größte dort befindliche Saal namhaft gemacht würde. In der Hoffnung, keine Fehlbitte getan zu haben, verbleibt mit Hochachtung usw.“

Soweit nichts Auffälliges.

Am Kopf des Briefbogens steht folgende nähere Auskunft: Rolf Sylvéro Experimental-Psychologe und Heilsuggestor für Republik Deutschland: Kiel, Papenkamp 8. Scheck-Konto: Kieler Spar- und LeihKasse. Giro-Abteilung Kiel, Lorentzendamm Nr. 29. Postscheck-Konto: Hamburg. Inhaber von Attesten über Kunst und geheime Wissenschaften.

Auch darin braucht man nichts Anormales zu erblicken. Wenn einer sich als Heilsuggestor für Republick Deutschland auftut, muß er sowohl im Scheckwesen wie in Kunst und geheimen Wissenschaften zuhause sein.

Herr Rolf Sylvéro will aber auch für Republik Frankreich in seinem Beruf tätig sein, und er gibt dies auf seinem Briefpapier folgendermaßen kund.

«Rolf Sylvéro, Experience de Pycologie et du Hypnotisure pour République Française: Freyming, (Lorraine), Rue de la Concorde 44. Scheque de Banc La Caisse de Epagne de Kiel. Giro Morceau Lorenzendamme de Kiel No. 29. Le Scheque de Post de Hambourg. Proprietaire de Atteste sur Savant et Affaire Secrète Reconu et falicitations.»

Ich zweifle keinen Augenblick an den Erfolgen des Hrn. Sylvéro. Ein Mann, der es fertig bringt, GiroAbteilung auf französisch mit Giro-Morceau zu übersetzen, und daraufhin der französischen Republik seine Dienste als Heilsuggestor anzubieten, der zweifelt an nichts. Für einen Experimental-Psychologen ist das eine Hauptbedingung des Erfolgs.

Ich würde mich durchaus nicht wundern, wenn ich übermorgen von Hrn. Rolf Sylvéro einen Brief etwa folgenden Inhalts bekäme: Sehr geehrter Herr! Ich habe gelesen, was Sie über mich und meine Briefköpfe schreiben. Gestatten Sie, daß ich Ihre Harmlosigkeit bewundere. Meinen Sie denn, ich wüßte nicht, was Giro-Abteilung auf französisch heißt und ich spräche nicht besser französisch, als Sie und alle Ihre Landsleute, die Abgeordnetenkammer mit einbegriffen? Aber was wäre als Reklame für mich herausgekommen, wenn ich ein korrektes Französisch geschrieben hätte? Das kann jeder Bankkommis. Statt dessen, sehen Sie, was passiert. Man liest meine Anpreisung, man kugelt sich darüber, man sagt, den Mann müssen wir uns ansehen. Man spricht von mir in der ganzen Stadt, und richtig findet sich auch ein Herrr, wie Sie, der die Sache in die Zeitung und mich in den Mund der Leute bringt, wofür ich sonst an Reklamespesen ein paar hundert Francs müßte springen lassen. Sehen Sie, man muß sich zu helfen wissen. Aufsehen machen, sich inszenieren, sich auf den Lichtschirm der Reklame projizieren und sei es auch mit einem künstlichen Buckel und einem unmöglichen Französisch!

Ich danke Ihnen für Ihre prompte Hilfe und werde Ihnen gern zu meiner Vorstellung ein Freibillett zustellen lassen. - Hochachtend, Rolf Sylvéro.

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    Katalognummer BW-AK-008-1645