Wenn es nicht bald besser wird in der Welt, ziehe ich mich in die Einsamkeit zurück und baue Hyazinthen.
Ich weiß zwar noch nicht, wie es gemacht wird, aber die Hyazinthen haben es mir angetan, seit sie so herrlich in meinem Garten blühen. Ich bin fest entschlossen, es zu einem großen Hyazinthenzüchter zu bringen. Ich werde, sagen wir mal, die feueurrote, die mohnrote Hyazinthe herauskreuzen, die es meines Wissens noch nicht gibt, und werde mich damit unsterblich machen.
Es gab eine Zeit, wo ich mir aus Hyazinthen nicht viel machte. Das war früher, wo die Hyazinthenzucht mit hohen Gläsern betrieben wurde. Die Zwiebel mußte ihre Wurzeinüdelchen nackt ins Wasser hinuntersenken, und diese nüchterne Offenbarung einer Funktion, die sich für gewöhnlich geheimnisvoll im Schoß der Erde vollzieht, wirkte auf mich abschreckend. So eine Hyazinthe im Glas war mir wie ein Schlangenmensch, wie etwas aufdringlich Deutliches. Ich hätte es nie über mich vermocht, ein Lebewesen, und wäre es auch nur eine Blumenzwiebel, so schnöde auf den Leim zu führen. Wunderkinder waren mir immer unheimlich, diese armen Wesen, die im Konzertsaal statt in freier Luft aufwachsen. Das Zwiebelglas war der Konzertsaal des Wunderkindes Hyazinthe. Sie blühte ein paar Wochen oder Monate vor ihren Schwestern, die sich Zeit ließen, und sie mußte Konzert blühen, sie wurde ins Fenster gestellt, damit die Vorübergehenden staunten und sagten: „Nein, aber diese Madame Soundso!“
Die Blume hat ein Recht darauf, daß sie in ihrer Mutter Erde wächst und blüht und nicht in fadem Wasserleitungswasser.
Im vergangenen Spätherbst kam der Gärtner zu uns und legte ein großes Beet voll Zwiebeln. Es waren rauhe, unscheinbare Dinger, lange nicht so schön und goldbraun, wie die Zwiebeln, die die Köchin verarbeitet. Dann ging der Gärtner wieder, und die Erde lag braun und stumm, den ganzen Winter über. Aber sie war, wie die Kodakfilmgesellschaft, die ihren Kunden sagt: Knipsen Sie, wir besorgen das Übrige. Sie besorgte in mütterlicher, stiller Arbeit das Übrige. Sobald der Frühling seine ersten lauen Atemzüge tat, lugte es grün aus der braunen Erde, viele, viele grünen Zünglein, Münder, die zwischen ihren Lippen seltsame Knollen und Kolben herausdrückten, die Kolben wurden zu Knospentrauben und dann stand eines morgens die erste halb erblühte Hyazinthe im Tag. Ihre sechs rosa Kelchblättchen bogen sich wohlig zurück wie die Zünglein gähnender Kätzchen und hatten durch die Mitte einen dunkleren Strich. Dann kamen die weißen, die mattlilienweißen, die vornehmen, deren Weiße nicht Unschuld bedeuten will, aber Makellosigkeit. Und die blauen, die mit dem seltsam tühlen Blau - eine Kusine von mir nannte ès damals bleu malade und war überzeugt, dabei in einen Abgrund von morbid aristokratischer Dekadenz zu blikken. Dann die amaranthfarbenen. die das Rosa ihrer Schwestern eifersüchtig leidenschaftlich übertrumpfen wollen. Und ganz zuletzt die zart schwefelgelben, die sich zwischen alle die andern stellen und den Akkord ausfüllen, wie ein Ton, der in einem Zusammenklang grade gefehlt hatte.
So stehen sie da wie die jungen Mädchen im Ballsaal vor der Polonaise. Man läßt die Blicke darüber gleiten, fast wie Fingerspitzen, die zärtlich über etwas samtweiches gleiten, einen Schleier, eine Wange, einen Frauenscheitel. Die duftenden Blütenkolben stehen auf schwankem Stengel leicht geneigt, und wenn es nachts geregnet hat. liegen morgens viele umgebogen, müde von der eigenen Last, auf der Erde und schmiegen ihre Wänglein an die braune Krume, aus der sie entsprossen sind.
Hyakinthos hieß der wunderschöne Knabe aus Lakonien, den Zephyros dem Apollo nicht gönnte. Als nun Apollo den Diskus warf, blies ihn Zephyros so heftig und heimtückisch aus der Richtung, daß er dem Hyakinthos an den Kopf flog und ihn tötete. Aus dem Blut des Toten entsproß die Hyazinthe. Auch die Narzisse ist bekanntlich nach einem schönen Jüngling benannt.
Wir sind heute glücklicherweise so weit, daß wir die Blumen nach den Frauen und nicht mehr nach den Männern benennen.