Man kann nie mißtrauisch genug sein. Sie sagen, der Hunger bilde den stärksten Auftrieb der Massen. Es ist nicht wahr, es ist das Mißtrauen. Alle Revolutionen hatten als Haupttriebkraft das Mißtrauen der Massen.
Nach dieser geschichtsphilosophischen Einleitung klettere ich wieder herunter in die hausbackene Alltäglichkeit und behaupte, daß unser Elektrizitätswerk in der jüngsten Zeit einen bedauerlichen Mangel an Mißtrauen an den Tag gelegt hat. Nämlich bei dem Einkauf der türkischen Trambahn-Anhängewagen.
Ich glaube gern, daß sie tadellos gebaut sind, solid, dauerhaft, keine Kriegsware.
Aber die Inschrift!
Ist ein Mensch in Stadt und Land, der weiß, was die Häckchen und Schnörkel rechts und links, vorn und hinten auf diesen Anhängern bedeuten? Seit Professor Schwickert tot ist, gibt es niemand mehr unter uns, der vom Türlischen mehr wüßte, als daß Bülbül Nachtigall heißt - oder ist das auch noch persisch? - und daß ein Mann, der Rougat auf türkisch verkaufen will, immer schuck schuck sagen muß.
Also: Was haben uns die Türken auf diese Wagen draufgeschrieben? Ihr wißt, sie haben es auf uns Westvölker schlecht stehen, seit sie die letzte Haue gekriegt haben, und wenn sie an den verhaßten Glaurs heimtückisch Rache nehmen können, sind sie zweifellos dazu bereit.
Schön ist es ja, mitten in den Straßen unserer Hauptstadt diese fremdartigen Schriftzeichen herumfahren zu sehen. Man fühlt sich direkt an’s Goldne Horn versetzt. Allerhand türkische Vokabeln klingen auf und kleiden sich in die Töne des „Bosporus“. Stambul, Yildis Kiosk, Muezzin, Minaret, Fatma, Harem, Allah il Allah! ...
Ich stand vor dem Bahnhof, während grade einer der grüngelben Türken wartete. Vor mir standen zwei Männer mit kurzgeschorenen schwarzen Haaren, dunkelbraunen Augen und speckgelben Gesichter. Ich erkannte in dem einen den Nougatverkäufer, der vor dem Krieg auf der Schobermeß seinen Stand gleich vorn gegenüber der Polizeibaracke hatte.
Die beiden hatten bei ihrem Heraustreten aus dem Bahnhof die Augen weit aufgerissen, als sie den Gruß aus der Heimat in Gestalt eines Trambahnwagens erblickten. Ich beobachtete sie. Ich konnte es den Leuten nachfühlen, wie ihnen das Erlebnis naheging, wie das traute Heimattal vor ihren Blicken aufftieg. usw. usw.
Da sah ich, wie sie sich anstießen und laut auflachten. Sie gingen etwas näher heran, lasen nochmals aufmerksam, wechselten einige Worte in weichen Gutturaltönen und platzten wieder los.
Ich trat auf sie zu, zog den Hut und sagte, ich glaube den einen der Herren zu kennen. Jawohl, sie seien auf einer Rundreise und wollten sich erkundigen, ob dieses Jahr wieder eine Schobermeß stattfinde. Ich frug sie, warum sie so gelacht hätten, aber sie taten verschämt und wollten nichts sagen. Ob es die Inschrift sei? Wieder überkam sie das unbändige Lachen. Ich sagte. hier sei jedermann überzeugt, die Inschrift heiße: Städtische Straßenbahn Konstantinopel. Das entfesselte bei ihnen einen wahren Heiterkeitssturm. Aber ich konnte sie nicht dazu bewegen mir zu sagen, was die Inschrift hieß: „Oh, mein Herr!“ sagten sie errötend, wie ein Backfisch, dem man einen Kuß zumutet.
Ich stellte mir die schrecklichsten Dinge vor. Denken Sie doch nur, diese Türken, mit ihrer Vielweiberei! Was die für Sprüche und Lieder haben müssen! Wenn nun so ein Heimtücker hingegangen wäre und uns ein paar von den saftigsten geflügelten Worten auf die neuen Wagen gemalt hätte! Oder auch nur: Junge, Junge! La fermel oder: So lang der Mann in die Bux noch paßt, wird keine Arbeit angefaßt! Und sowas wird öffentlich durch die Straßen gefahren, und wir meinen harmlos, es hieße: Städtische Straßenbahn von Konstantinopel!
Ich kann den Herrn Trambahn-Direktor nicht dringend genug auffordern, trotz der teuern Ölfarben diese verdächtigen Sprüche schleunigst übermalen zu lassen.