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20. April 1920

Ich war grade am Einschlafen, als die Eisenbahner zu streiken anfingen. Die Leute, die sich Hals über Kopf an die Bahn geschafft hatten, um den Zug noch zu erreichen, mußten unverrichteter Dinge wieder nachhaus gehen. Die Hochzeiter warteten umsonst ihrer Gäste, die Kirmestische wiesen klaffende Lücken auf, die Richter urteilten vor leeren Bänken, die Geschäfte blieben ungemacht und die Küsse der Verliebten blieben ungeküßt.

Das dauerte Wochen und Monate.

Da sagten die Besitzer der Eisenbahnen: Gut, wenn nicht mehr gefahren werden soll, braucht es auch keine Bahnen und keine Lokomotiven und keine Wagen mehr zu geben. Und sie gingen hin und legten große Dynamitpatronen in die Tunnels, an die Brücken, in alle Durchlässe, in die Lokomotivschuppen und unter die Wagenreihen und sprengten alles in die Luft.

Die Eisenbahner zerstreuten sich ins Land. Die in Bauernhäusern zuhaus waren, gingen zu den Bauern und halfen in Flur und Feld, die Städter suchten sich in den Städten u. Fabriken Beschäftigung.

Da sagten die Schmelzen: Wenn keine Stahlschienen und keine Brückenbalken und keine Träger mehr gebraucht werden für die Eisenbahnen, wenn keine Wagen mehr gebaut werden und keine Bahnen mehr da sind, um unsere Produlte hinauszufahren in alle Welt, wozu braucht es dann noch Schmelzen?

Und sie ließen die Ösen ausgehen, daß sie zu Blöcken von Erz und Schlacke erstarrten. Und wiederum ergoß sich der Strom der Arbeiter ins Land und suchte, wo man Hände zur Arbeit brauchte.

Da sagten die Fabriken: Wenn kein Eisen und Stahl mehr geschmolzen wird, woraus sollen dann unsere Maschinen gebaut werden. Und wenn die Leute kein Geld mehr verdienen, womit sollen sie dann unsere Waren kaufen. Und die Fabriken löschten ihr Feuer und zerschlugen ihre Maschinen und entließen ihre Arbeiter ins Land.

Da sank die Welt langsam zurück in ihre Uranfänge, Von der Glühbirne und Bogenlampe kehrte sie langsam zurück zum Kienspan, von der Flugmaschine zum Wanderstab, von allem „Komfort der Nouzeit zur „Höhlenkultur“.

Aber dann stand hie und da einer auf, der einen Stein zum Bau der neuen Welt herbeitrug. Er schlug Del aus Rüssen, tunkte einen Wollfaden vom Rücken eines Schafes in das Öl und ließ den Faden brennen, daß er ihm die Nacht erhellte. Er baute aus Holz einen Wagen, dem er sein Pferd vorspannte, machte Kurbeln an die Räder, drehte sie von einem Sitz aus mit den Füßen und hatte das Fahrrad wieder erfunden. Ein paar taten sich zusammen, schlugen Holz, schichteten einen Kohlenmeiler auf, trugen die roten Steine aus den Erzbergen zusammen, und schmolzen mit den Kohlen ihrer Meiler das Eisen aus den Steinen. Sobald sie das Eisen hatten, ging alles andre wieder wie von selbst. Sie bauten wieder Dampfmaschinen und Eisenbahnen und Fabriken und Automobile und Aeroplane und Telegraphennetze und drahtlose Telefunkenstationen und Dampfschiffe.

Und als ich erwachte, war wieder alles, wie es gewesen war, und die Eisenbahner waren noch immer drauf und dran, in den Ausstand zu treten.

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    Katalognummer BW-AK-008-1648