Als kürzlich der Lütticher Männergesangverein «Les Disciples de Grétry» zusammen mit unserm „Orpheon“ sein Konzert gegeben hatte, wurde vielfach der Wunsch laut, im Männergesang möchte statt der modernen Richtung lieber wieder die alte gepflegt werden, deren Kompositionen mehr gesanglichen und weniger orchestralen Charakter hatten. Ich muß sagen, mir ist der Männergesang verleidet, seit sie zu achtzig, hundert zusammenstehen, um das Rollen des Donners, das Brausen des Sturms zu imitieren. Ich empfinde es als komisch, wie jede Imitation. Ein Orchester, das sich ohne Worte behelfen muß, mag sich mit Bässen und Pauken und allen möglichen Blas- und Streichinstrumenten Mühe geben, das Erwachen des Viehstandes einer Farm nachzumachen, nicht einmal immer in Tönen, manchmal sogar in Geräuschen - ich meine, der Männerchor hat andere Aufgaben. Es ist gewiß lobenswert, wenn er darüber hinaus zu Leistungen gedrillt wird, die auf anderm Gebiet liegen, aber dann ist es eben eine Art Orchester von Männerstimmen, kein Männerchor mehr. Die Vegetarianer lassen sich ja auch manchmal aus Kartoffeln ein Gericht zubereiten, das aussieht, wie Kotelettes, und es schmeckt sicher sehr lecker. Aber es ist eben keine Kartoffel mehr. In der differenzierten Zeit von heute muß die Kultur mit dem gegebenen Rohmaterial eben allerhand Kuchenkunststücke vollführen, um den verwöhnten Gaumen neue Genüsse zu bereiten.
Wer aber keinen verwöhnten Gaumen hat - und verwöhnt heißt manchmal verdorben - der ißt lieber eine ehrliche Bratkartoffel und hört lieber einen der schönen alten Männerchöre, wie sie vor vierzig, fünfzig Jahren gesungen wurden.
Dasselbe ließe sich vom Volkslied sagen. Volkslied sollte eigentlich jedes Lied sein, das das Volk singt. Aber was ist heutzutage Volk? Das Volkslied alten Stils war das Lied der Dörfer, der Wanderburschen, der Schiffersleute, der legendenhaften Königskinder, der Soldaten, der Jäger - das Freiluftlied. Das Volkslied von heute, das heißt, was man jetzt künstlich ins Volk hineintragen will, ist Tingeltangelprodukt. Ein wenig Zote, ein wenig sentimentale Pomade, ein wenig straßenläufige Satire - es ist zum Fortlaufen, wenn man einen Bauernburschen oder so ein frisches Mädel diesen Ersatz mit der ernstesten Miene von der Welt als „das Neueste, wo man hat“, von sich geben hört.
Woran liegt es, daß unsere Zeit aus sich heraus nicht die Volkspoesie zu destillieren vermag, die wir an den alten Volksliedern, französischen, englischen, deutschen bewundern? Ich vermute, es liegt daran, daß allen Intellektuellen heute der Weg zur Bildung oder Halb- oder Viertelsbildung offensteht, daß im Volk, weder unter den Bauern noch unter den Arbeitern heute noch die Tolente leben, bei denen der unwiderstehliche lyrische Drang in den Schulen nicht formal drainiert wurde und die in elementar wuchtigen oder gefühlsschweren, aber wunderzarten Lyrismen sich Luft machten. Wer heute der Welt etwas zu sagen hat, geht studieren oder wird Agitator. Der passionelle, der herb lyrische, der satirische Inhalt unserer heutigen Volksseele, Dorf und Fabrik, ist noch unausgeschöpft, ich kenne nicht ein einziges Lied, das für das Volk von heute wäre, was die klassischen Volkslieder für ihre Zeit waren. Wo ist der Dichter, der „Jetzt gang i ans Brünnele“ einmal auf einen Escher Schmelz- oder Minette-Arbeiter und seinen Schatz umdichten könnte?
Es gibt zum Glück noch Kreise, in denen das alte Volkslied gepflegt wird, in denen zweifellos auch die Gefühlswerte von dazumal zumteil noch lebendig sind. Auf einer Hochzeit von schlichten Leuten, Bauern, Handwerkern, Arbeitern mit konservativen Instinkten, aber dem klaren Wissen um ihre Rechte, erlebte ich kürzlich die Freude, ein offenbar sehr altes deutsches Volkslied zu hören, das für seine Art gradezu typisch war. Zweie lieben sich, die Eltern wollen nicht, daß sie zueinander kommen und sie gehen ins Wasser. Eine junge Frau aus dem Ösling sang das Lied anspruchslos, wie sie in den Spinnstuben sangen, daß Wort und Weise mühelos, fast instinktiv, hinglitten, wie der Faden ins Rad gleitet. Das Lied hatte alle Merkmale des klassischen Volksliedertyps. Ein sehr alter Kern, da und dort Gelegenheitsumdichtungen, eine Strophe offenbar aus einem andern Lied übernommen und angestückt. Aber alles perlenecht.
Es war schöner als das schönste Lied des berühmtesten Tingeltangeltroubadours.