Original

22. April 1920

Es kann nicht oft genug wiederholt werden: Wenn Sie nach Deutschland in oder durch die amerikanische Besetzungszone reisen wollen, so müssen Sie Ihren Paß von der amerikanischen Konsularagentur in Luxemburg visieren lassen.

„Die Reisenden sind auf die gegebenenfalls unbeauemen Folgen des Mangels dieses Visas hingewiesen.“

Lesen Sie, auf die Gefahr einer Zungenverrenkung hin, diesen Satz laut vor Sich hin, damit Sie Sich ihn tief einprägen. Sonst „sind“ Sie auf die gegebenenfalls unbequemen Folgen des Mangels dieser Einprägung von mir noch einmal ausdrücklich hingewiesen. Die gegebenenfalls unbequemen Folgen bestehen, wie einem nahen Verwandten von mir zuständigen Orts versichert wurde, in Gefängnishaft, der unter Umständen eine Tracht Gummiknüttelprügel vorausgehen kann.

Ich mag, wie Sie wissen, die Amerikaner im Allgemeinen und einige von ihnen im besondern sehr gut leiden. Aber nicht, wenn sie uns ein Paßvisum abfordern, dessen Zweck und Berechtigung niemand begreift, und zumal nicht, wenn sie uns für ein solches Paßvisum zwei Dollar amerikanisch abknöpfen. Was beim derzeitigen Stand der respektiven Valuta rund 36 Francs ausmacht. Die Dienstleistung, die im Ausfüllen eines Stempelaufdrucks und in einer Unterschrift besteht, ist damit so überreichlich bezahlt, daß man sich fragt, was die reichen Amerikaner bewogen hat, uns geplagten Europäern diese Schröpfung noch obendrein aufzuerlegen. Abgesehen von der Plackerei.

Es kann doch gewiß nicht sein, um uns das Reisen zu verleiden. Denn Reisen bildet, und die Verbilligung aller Bildungsmittel ist eine Forderung des Tages.

Es kann auch nicht sein, um der gefürchteten Einsickerung des Bolschewismus entgegen zu arbeiten. Denn jeder, der das Visum verlangt, bekommt es anstandslos - ich habe wenigstens nichts vom Gegenteil gehört - ob er auf Lenin oder Rathenau schwört. Wer also bolschewistische Hintergedanken hat, sickert sich vermöge des Obolus von zwei Dollars ruhig in und durch die amerikanische Zone, während einer, der für die bestehende Ordnung durch’s Feuer ginge und die 36 Francs sparen will, von den Amerikanern eingesperrt und in seiner Zelle möglicherweise zum wütendsten Bolschewisten wird.

Daß der Vifazwang auch für die bloße Durchreise gilt, ist am allerunbegreiflichsten.

Nun hat es ja immer geheißen, daß laut Friedensvertrag Deutschland die Kosten der fremden Besetzung tragen muß. Es kann also keine fiskalische Maßregel beabsichtigt sein. Oder doch? Soll der Erlös aus dem Paßvisa - und es wird sich ganz schön zusammenleppern - als Beitrag zum Unterhalt der amerikanischen Truppen in und um Koblenz dienen? In diesem Fall käme es also darauf heraus, daß wir, wenn wir über Koblenz fahren wollen, einen Teil der deutschen Kriegsentschädigung mitbezahlen müssen.

Es ist ja wahr, wir sind in und nach dem Krieg mit einem blauen Auge davongekommen und hätten uns nicht zu bellagen, wenn man uns unsere Unversahrheit bis zu einem gewissen Grade bezahlen ließe. Wenn man dem Kind diesen Namen gäbe, wenn man sagte: Alle um Euch herum haben schwer gelitten, gebt auch ein wenig in den großen Opferstock des Krieges! - so würden wir sagen: Gut, wenn wir uns damit loskaufen können, so geben wir zu allem, was wir freiwillig schon für die Kriegsopfer getan haben, auch noch gerne, was man jetzt von uns verlangt.

Aber eine solche Paßsteuer, die auf nichts reimt, die keinen irgendwie erfaßbaren Zweck hat, empfinden wir als unnötige und unschöne Plackerei.

Ich weiß sie ist nicht eigens eingeführt, um grade uns zu ärgern, sie gilt für jedermann. Umso schlimmer. Sie wird dadurch noch unbegreiflicher.

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    Katalognummer BW-AK-008-1650