Kürzlich stand in der „Obermoselzeitung“ unter den Anzeigen folgende „Freundliche Einladung“:
„Der unterschriebene Peter Classen, geboren zu Vorn, bittet alle seine Freunde und Bekannten von Nah und Fern, am 27. März 1920 nach Niederdonven kommen zu wollen, wo er auf seinen 82. Geburtstag, gegen 10 Uhr morgens, in der Pfarrkirche noch bei seiner Lebzeit ein Begängnis halten läßt. Hierzu ladei er alle Freunde und Bekannten höflichst ein und bittet sie dam heil. Meßopfer beiwohnen zu wollen. Zum voraus spricht er allen seinen besten Dank aus. Sammelstelle bei der Gastwirtschaft Johann Pünnel in Niederdonven. Peter Classen. Uhrmacher und Photograph in Niederdonven.“
Ich habe mich über den Wunsch des Herrn Peter Classen, seiner eigenen Leichenfeier beizuwohnen, keinen Augenblick lang gewundert. Die Uhrmacher und Photographen sind ja durch die Bank Sonderlinge, die einen, weil sie die Gesichter der Menschen, die andern, weil sie die Seelen der Uhren studieren. Ich für mein Teil hielte es lieber mit den Uhren, diesen seltsamen Tierchen, die zu unserm Gebrauch die Zeit und Ewigkeit in kleine Stücke zerhacken, weil wir sonst nichts damit anzufangen wüßten. Die Seele einer Uhr ...
Doch das führt zu weit. Wir wollten ja von Hrn. Peter Classen reden. Ich bedaure, die Anzeige nicht rechtzeitig gelesen zu haben, ich wäre unbedingt hingegangen, trotzdem ich nicht zu den Freunden und Bekannten des Hrn. Classen gehöre. Ich hätte mich gefreut, nach dem „Begängnis zu seiner Lebzeit“ dem alten Herrn die Hände zu schütteln, und ich hätte gesagt:
Herr Peter Classen, warum bleiben Sie auf halbem Wege stehen? Veranstalten Sie doch gleich eine Hauptprobe für das ganze Stück und lassen Sie Sich bei Ihrer Lebzeit auch begraben. Natürlich mit blind beladenem Sarg. Stellen Sie sich die Gemütsbewegungen vor, die für Sie dabei herauskämen! Sie wären inkognito unter den Leidtragenden. Sie ständen an Ihrer Türschwelle und sähen im Dunkel des Hausgangs den braunen Sarg mit den Silberbeschlägen auf zwei Stühlen stehen, im Flackerlicht der Kerzen. Sie gingen in der Menge hinter dem Sarg und hörten, was die Leute Gutes von Ihnen sagten. Meistens Sätze, die mit den Worten endigten: Aber im Grund war er doch ein guter Kerl. Sie ständen hinter dem Gesangverein, der Ihnen „Ruhe in Frieden“ an’s offene Grab nachsänge, Sie hörten vielleicht die Rede, die der Präsident eines Vereins, dem Sie vielleicht seit 50 Jahren angehören, Ihnen mit vor Rührung erstickter Stimme in die Ewigkeit nachsändte und Sie würden eine Träne des Mitgefühls mit dem armen Kerl zerdrücken, der da unten sich zum ewigen Schlaf hingestreckt hätte und der Sie selber wären. Sie würden ordentlich stolz auf Sich, daß Sie so ein Prachtmensch waren. Und andrerseits käme es Ihnen vor, als sei Ihr bester Freund gestorben. Nicht mit @nrecht, Herr Peter Classen, denn Ihr bester Freund sind Sie auf alle Fälle selber, und seinen besten Freunden gibt man immer das letzte Geleit. Also lassen Sie Sich bei Ihrer Lebzeit begraben!
So hätte ich zu Herrn Peter Classen gesagt, und wir hätten am 27. März 1921 alle zusammen seinem Begräbnis beigewohnt, hätten zusammen beim Leichenschmaus gesessen bis spät in die Nacht und den toten Peter hoch leben gelassen, und er hätte am andern Morgen die Überraschung erlebt, daß er nicht im Himmel auf einem Wolkenpfühl inmitten mustzierender Cherubim u. Seraphim, sondern zu Niederdonven in seinem Bett erwacht wäre. (Er wird es zu schätzen wissen, daß ich ihn nicht erst in’s Fegfeuer, sondern direkt in den Himmel versetze.)