Ich habe im Kalender nachgeschlagen: Es war am 28. März, als ich in diesem Jahr die erste Ginsterblüte sah. Am Südhang des Bourscheider Schloßbergs. Es war ein Wunderkind von Blüte. Es leuchtete in der Nachmittagssonne wie ein Flämmchen, es klammerte sich an seinen Zweig, wie ein kleiner gelber Schmetterling. Es glich einem Kind, das im Spielen den andern voraus sich verirrt glaubt, so ganz allein saß es in der noch halb winterlichen Natur und wußte nicht, daß es als Phänomen in die Zeitung kommen würde.
Sonst ist es schon alles mögliche, wenn am 1. Mai der Ginster blüht. Ich vergesse nie den ersten Mai, an dem ich vor Jahren einen Strauß Ginsterblüten, am Weg von Göbelsmühle nach Esch gepflückt, auf die Lenkstange meines Rades gebunden, guten Freunden als Erstlingsgruß aus dem Ösling mitbrachte.
Heuer hat sich der Ginster mit dem ganzen Jahr verfrüht und stellenweise stehen die öslinger Höhen schon ganz in der Goldpracht seiner warmhellen Blust. Das Ösling ist seine Heimat, aber auch im Gutland hat er sich stellenweise angesiedelt. Jeder weiß einen Ort, an dem um diese Zeit des Jahres die Ginsterblüte alle Farbe rings umher übertönt, So war es an den Höhen beim Asselscheuerhof, oder im Grünewald an einer Weggabelung nach der Schätzelhöhle usw. usw. - aber eine Höhe muß es sein. Der Ginster hat Ziegennatur, er will klettern.
Überm Schreiben fällt mir der Tag ein, an dem ich kürzlich während der Kirschenblüte durchs Trintinger Tal fuhr. Auf und ab mit dem Hügelland lief neben uns die weiße Pracht der blühenden Wipfel, die da standen einer am andern und um die Wette, leidenschaftlich, die Verheißung aus sich heraustrieben und der Empfängnis harrten.
Die „Taler“ Kirschblüte ist von alters her berühmt. Der Ruhm der Ginsterblüte ist noch jünger.
Ich glaube, die Menschen sind idealer geworden, empfänglicher für Schönheitswerte.
Früher gestand man es sich nicht gerne ein, daß man die Kirschblüte im Trintinger Tal um ihrer selbst willen schön sand. Sie galt für schön im Zusammenhang mit dem, was die Erfüllung materiell bringen würde. Die Blüte war der Auftakt zur Ernte. Heute gibt es Unzählige, die die Blüte als ein Fest für sich begehen, ohne mit einem Gedanken an die eventuelle Übersetzung der Erscheinung in Kirschenschnaps und Papiergeld zu denken.
Die Ginsterblüte war zu einer Zeit, wo alle Welt noch prosaischer veranlagt war, nur für wenige, für Künstler und Dichter - deren viele auf dem Dorf, leben und sterben, ohne malen oder schreiben zu können - eine Schönheitsoffenbarung. Die in Arbeit verknöcherten Menschen sahen in der Ginsterblüte eine Art Bettlerkarneval. Dieser Ginster, dieser Unnütz, fühlte im Frühlingsdrang das Bedürfnis, sich mit buntem Flitter zu behängen, wie ein armer Taglöhner, der, von einem Schnaps außer Rand und Brand, seinen Rock mit dem hellen Futter nach außen anzieht und singend durch’s Dorf trollt. Man war nicht weit davon entfernt, über den tollen Ginster die Achseln zu zucken und zu sagen: Der Kerl blüht so verrückt, als ob er uns später Gott weiß was zu ernten gäbe!
Welche ist schöner, die Kirschblüte oder die Ginsterblüte?
Ich meine, die Ginsterblüte. Nicht weil gelb schöner ist, als weiß, oder weil das Ösling schöner wäre, als das Trintinger Tal. Darüber sind die Wetten effen.
Aber weil die Ginsterblüte nur Blüte ist ohne Verheißung für unsern Gaumen oder unser Portemonnaie. Weil sie ein reiner Schönheitswert ist, der wird und stirbt in sich erschöpft und vollendet, in den sich keine Hoffnung und keine Berechnung mischt. Schön um seiner selbst willen.