«Il y a six ans!» hat ein Anonymus auf das schwarz-gelb-rot umränderte Programm der Einzugsfeierlichkeiten für das belgische Königspaar, vom 27. April 1914, geschrieben, das er uns gestern einschickte. Die Sendung war wohl als Anregung gedacht. Also ließ ich mich anregen und blätterte in dem alten Zeitungsband nach. Das erste, was mir im Zusammenhang mit den Berichten über den belgischen Königsbesuch auffiel, war an dieser Stelle die Meldung, daß „vor dem König der Belgier ein Dichter in unsere Stadt kommt, der deshalb der größten einer bleiben wird, weil in ihm seine Zeit mit unerhörter Kraft und Potenziertheit ihren Wesensausdruck gefunden hat.“
Es war Richard Dehmel. Und wir druckten damals aus seiner „Schönen, wilden Welt“ folgende Strophen ab:
„Gern sieht das Volk Machthaber über sich:herrliche Männer, liebliche Frauen.Ein Labsal bleibt’s dem Kärrner im Alltagsgrauen,ein lichtes Vorbild anzuschauen,sei’s königlich, sei’s bürgerlich.Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht,in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht,sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann;sie fragen nicht, was solche Blumen nützen,sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen,sie freuen, freuen sich daran ....“Wenn Richard Dehmel solche Verse dichtet, so haben sie natürlich andre Bedeutung, wie wenn sie aus dem königstreuen Herzen eines Josef-Lauff oder Rudolf Herzog stammen. Im Reich der Schönheit, wollen sie sagen, soll das Königtum nicht abgeschafft werden.
Es widerstrebt mir, jetzt und hier von dem Umschwung zu reden, der sich gegen jene belgischen Königstage später vollzogen hat, von der albernen Kundgebung, die gestern vorm Jahr mit einer deutlichen Spitze gegen Belgien in Szene gesetzt worden war, und von vielen andern Torheiten von dem politischen Kettenhändlermarkt. Aber eine Stelle muß ich unbedingt abdrucken. Sie hat durch die Ereignisse eine besondere Bedeutung gewonnen.
Der hiesige Korrespondent der „Indép. Belge“, hatte sich in abfälliger Weise über die Person der damaligen Großherzogin-Marie Adelheid geäußert und sie in wenig schmeichelhafter Weise mit ihrer Kusine, der Königin von Belgien verglichen. „... dieses junge Mädchen, dem das Volk so gerne seine Liebe zugewandt hätte, zeigte sich so unnahbar und so kühl, daß die Sympathien sich in eine vollständige Gleichgültigkeit wandelten. Und man versichert, daß von den Zurufen, mit denen das belgische Königspaar begrüßt werden wird, sehr wenige sich an unsre junge Großherzogin wenden werden.“
Wir nahmen damals für die Großherzogin Partei und entgegneten dem Korrespondenten des Brüsseler Blattes Folgendes:
„Ein offenes Wort ist manchmal eine befreiende Tat. Es kann auch zuweilen eine Geschmacklosigkeit sein. Wir sehen davon ab, ob der Korrespondent des Brüsseler Blattes die Empfindungen des luxemburger Volkes für die junge Großherzogin richtig oder falsch einschätzt. Wir sind der Ansicht, daß ein moderner Fürst auch Persönlichkeitsrechte hat, und daß die Entwickelung einer Persönlichkeit auf einem Thron eine Erscheinung ist, die man mit Sympathie verfolgen kann, auch wenn sie vielleicht nicht im Verkehr mit jedermann den Ton treffen sollte, den man nach allgemeinem Sprachgebrauch als reizend, leutselig und liebenswürdig bezeichnet. Wenn unsere Großherzogin in Achtung vor der Verfassung ihre Pflichten erfüllt, darf sie unserer Zuneigung sicher sein, auch wenn sie sich das klassische Fürstenlächeln etwas später oder gar nicht angewöhnt. Wir haben hier dem letzten König der Niederlande als Großherzog von Luxemburg ein gutes Andenken bewahrt, obgleich ihm die Grobheit geläufiger war, als die Leutseligkeit.“
Il y a six ans!