Von einer Tafelrunde aus Rümelingen ergeht an mich folgende Anfrage:
„Eben liest man wieder, daß ein Mädchen von der Adolfbrücke abspringen wollte. Woher kommt es nur, daß alle Lebensmüden gerade dort enden wollen?
Die Brücke wurde unter dem Generaldirektor der öffentlichen Bauten Herrn Rischard erbaut, und es wurde damals erzählt, er habe sie nicht kirchlich einsegnen lassen wollen. Auf Betreiben der Geistlichkeit bei Herrn Eyschen sei es später dennoch geschehen.
Was ist Wahres daran? Ist sie eingesegnet oder nicht? Oder sind Weihrauch und Weihwasser vielleicht vom Satan gefälscht oder mit einer profanen Substanz vertauscht worden? Unsere Tafelrunde möchte darüber Bescheid haben und Sie müssen das doch Alles wissen.“
Ich weiß zwar nicht alles, aber einiges. So u. a. daß weder bei der Grundsteinlegung noch bei der Übergabe der Adolfbrücke an den Verkehr von einer kirchlichen Einweihung die Rede ging. Die Grundsteinlegung wurde von Großherzog Adolf bei strömendem Regen vollzogen. Die Momentaufnahme zeigt den alten Herrn, wie er den symbolischen Hammerschlag führt, neben ihm die HH. Charles-Rischard - der dem Charly seinen Namen geliehen hat - und den Grafen Metternich flotten Andenkens, rund herum, wie die Schilder mauerstürmender Legionen, naß blinkende Regenschirme, Dach an Dach. Man kann also wohl von einer himmlischen, aber nicht einer kirchlichen Einsegnung sprechen.
Am 24. Juli 1903 wurde die Brücke feierlich dem Verkehr übergeben. Es war Großherzogs Geburtstag. Auch da verlautet von einer kirchlichen Einsegung nichts. Tausende strömten hinüber und herüber und abends wurde die Brücke bengalisch beleuchtet. Nach der Wassertaufe die Feuertaufe. Erst bei der Einweihung der Luxemburg-Echternacher Bahn, also des obenerwähnten Charly, trat die Kirche in Aktion. Es war am Dienstag, 19. April 1904 und prachtvolles Frühlingswetter. Regierung, Kammer, Staatsrat, Bauverwaltung, Bahnverwaltung, Ingenieur @ejour@ und Unternehmer Fongerolle waren da, nur der Stadtrat fehlte und war nur durch Hrn. Bürgermeister Mousel vertreten. Die Einsegnung fand vor Abfahrt des Zuges am diesseitigen Brückenkopf statt. Die vom Bischof Hrn. Koppes mit einer Ansprache eingeleitete Zeremonie begann so pünktlich, daß, als die Uhr auf dem Turm der Liebfrauenkirche eins schlug, die halbe Rede bereits heruntergelesen war. Der Herr Bischof war assistiert von dem Dechanten Hrn. Haal, dem Seminarprofessor Herrn Schmitz, den Bürgermeistern von Luxemburg und Hollerich HH. Mousel und Steffen und Hrn. Staatsminister Gyschen.
Herr Eyschen redete zuletzt. Er sagte: „In der luxemburger Familie wie in unserm Verwaltungsleben hat man die Gewohnheit, die wichtigen Hand- lungen unter göttlichen Schutz zu stellen. Sie selbst, hochwürdigster Herr, haben unser Werk segnen wollen, Sie haben daran erhebende und patriotische Worte geknüpft, wir danken Ihnen dafür.“
Herr Eyschen sagte noch andre schöne Dinge von dem Band, das durch die neue Bahn durch das Land geschlungen sei, von der Brüderlichkeit, die dadurch gefördert werde, von dieser Wohltat, die wir dem Staat, der Gesamtheit der Luxemburger verdanken, von der nationalen Solidarität, die dieses Werk geschaffen und von der Stärkung, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Luxemburger dadurch erfahren werde.
Was meint Ihr, Rümelinger Stammtischbrüder, war das nicht eine schöne Zeit, wo wir sagen konnten, die Millionen, die wir ausgaben, dienten dazu, Bahnen und Brücken zu bauen und das nationale Solidaritätsgefühl zu stärken?