Original

30. April 1920

Eine Dame, die zum eisernen Bestand des Kammertribünenpublikums gehört, sagte nach der Sitzung, in der Herr Decker den Sturm der Rechten ausgehalten hatte:

„Er spricht vorzüglich, nur schade, daß er diesen deutschen Akzent hat!“

Da Herr Decker deutsch geredet hatte, fand ich es orignell, daß ihm die Dame seine deutsche Aussprache vorwarf.

Dieselbe Dame hatte mir ein paar Tage vorher, nach einer Rede des Hrn. Eugen Steichen über die Eisenbahnfrage, ihre Bewunderung ausgesprochen, daß Herr Steichen einen so schneidigen französischen Akzent habe.

„Sind Sie nicht ungerecht, gnädige Frau?“ meinte ich. „Dem einen werfen Sie vor, daß er deutsch deutsch ausspricht, den andern bewundern Sie, weil er französisch mit französischem Akzent redet. Wie reimen Sie das?“

„Muß sich denn das reimen?“ fragte sie zurück. „Französisch klingt eben schön, mutig, elegant. - Deutsch klingt eben deutsch, da kann man nichts machen.“

„Ich verstehe Sie sehr genau. Sie können vom Deutschen nicht einmal den Akzent leiden. Wo Sie hassen, hassen Sie ganz, und als Frau, die nichts verzeiht, die haßt bis zur Grausamkeit.“

Sie machte dazu blitzende Augen und harte Lippen.

„Wissen Sie denn auch, daß Sie durch Ihre sonderbare Akzenttheorie Sich gewissermaßen als Deutsche rubrizieren?“

Ihre Augen blitzten noch aggressiver und ihre Lippen teilten sich, um zwei Reihen Zähne bloszulegen, die bereit waren, in alles zu beißen, selbst in verbotene Äpfel.

„Wieso?“ fragte sie herausfordernd.

„Sehr einfach. Sie lassen für das Französische den luxemburger Akzent nicht gelten, weil Französisch eben eine fremde Sprache ist. Im deutschen aber beanspruchen Sie für unsern luxemburger Akzent Gleichberechtigung mit allen andern deutschen Akzenten. Wie einer korrekt deutsch mit bayrischem. sächsischem, rheinischem, westfälischem Anklang sprechen kann, so verlangen Sie, daß ein Luxemburger auch mit seinem heimischen Akzent deutsch reden soll. Sie klassifizieren uns damit als einen deutschen Stamm. Das wollen Sie doch nicht?“

„Durchaus alles gar nicht!“ fauchte sie mich an. „Ich habe Ihnen schon gesagt, ich mag nicht, wenn einer deutsch deutsch redet, er soll reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.“

„Nur wenn er deutsch redet? Englisch, französisch, italienisch, spanisch sollen wir reden, als ob wir in London, Paris, Rom oder Madrid zuhause wären. Aber das Deutsche sollen wir mit allem Beigeschmack unsrer heimischen Zungen- und Gaumeneigentümlichkeiten verzapfen? Das geht hier zur Not. Aber wir haben deutsch schließlich nicht gelernt, um uns zwischen Schengen und Weiswam pach, Martelingen und Echternach unter uns zu verständigen, so wenig wie wir fremde Sprachen lernen, um sie im Verkehr mit Landsleuten zu gebrauchen. Wir brauchen sie im Ausland, im Verkehr mit Ausländern, und die erste Bedingung ist also die, daß uns die Ausländer verstehen. Ich wette Ihnen aber meinen Kopf gegen eine faule Apfelsine. daß z. B. ein Norddeutscher, der in unsrer Kammer die Reden eines übrigens hochgebildeten Abgeordneten der Rechtspartei zum ersten Mal vernähme, keine dreißig Prozent davon verstünde, weil der betreffende Herr sein Deutsch mit dem unverfälschsten Akzent seines Heimatdialektes bis zur Unkenntlichkeit umfärbt.“

„Ist das wirklich so?“

„Ja, Gnädigste. Ich erinnere mich, daß ein luxemburger Professor eines Tages in Königsberg einen Vortrag hielt und daß ein Berichterstatter schrieb, er habe sich erst an die Aussprache des Vortragenden gewöhnen müssen, um sich zu vergewissern, daß er wirklich deutsch sprach.“

„Einerlei, ich mag den Ton nicht leiden. Er ist mir zu - - zu deutlich.“

„Daß Herr Decker am Mittwoch deutlich geredet hat, will ich nicht leugnen“, sagte ich. „Manchem vielleicht zu deutlich!“

„So habe ich es nicht gemeint.“

„Aber ich. Adieu Gnädigste. Ich werde Herrn Decker von Ihnen bestellen, daß er in Zukunft weniger deutlich sprechen soll. Aber es wird voraussichtlich nicht viel helfen.“

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    Katalognummer BW-AK-008-1657