Durch schwarze Gitterstäbe hindurch blickt ein bekanntes Gesicht mich an, schon seit Wochen, und sagt. „Na?“ Immerfort nur die eine, fragebeschwerte Silbe: „Na?“ Das Gesicht hat eine zersurchte Stirn unter wirr gewelltem Haar, Augen, die halb erschreckt, halb drohend blicken und einen Mund, der Sarkasmus und Verachtung ausdrückt.
Ueber den Gitterstäben steht: Zelle K. U. P.
Das Gesicht ist eine Karrikatur von Frantz Clement. (Ich bitte den Setzer ein für allomal Frantz und nicht Franz zu setzen. „Franz“ ist österreichisch weich und nachgiebig. „Franz“ sagt: Do konn mer nix mochen. „Frantz“ hat ein Rückgrat, ein hartes, steifes, spitzes t das trotzig aufrecht steht, wenn es sein muß.)
Das Buch, das Frantz Clement über seine Haft in Deutschland, August und September 1914 geschrieben hat, ist eines von den tausenden, in denen Berufene und Unberufene ihre Kriegsmemoiren niedergelegt haben. Aber es ist auch eines von den zehn oder fünfzehn aus dieser Unzahl. die wert sind, gelesen zu werden - wenn es nicht gar nur fünf sind. Diese Memoivenlitteratur ist über die Welt gekommen, wie eine Maikäferplage. Abenteuer, Grausamkeiten, Tod in allerhand Formen, Errettung vom Tod in ebensoviel Varianten, Betrachtungen und Ergüsse aller Art - man liest sie und denkt: Wie interessant muß der Mann sich vorkommen, um das alles in die Welt zu schicken! Und man wird den Eindruck nicht los, daß man vor einem „gestellten“ Film sitzt.
Frantz Clement hat sein Buch geschrieben, um die Wahrheit zu sagen, um sich eine Erlebungsschicht vom Leib zu schaffen, weil nichts verloren gehen soll, „da doch das Erlebte, das Erfahrene, das Erlittene einer der unzerstörbarsten Schätze der Menschheit ist.“
Was soll ich viel davon sagen, als daß es ein wahres Buch ist. Wahr im äußern, derblüssend wahr im inneren Erleben. Mit erfrischender Offenheit sagt Frantz Clement, in welches Verhältnis ihn der Krieg zu Deutschland gebracht hat. Und mit derselben Selbstverständlichkeit sagt er zum Schluß, wie er zu den Dingen nach dem Krieg steht. Er ist bekanntlich einer der schärfften Vorkämpfer für unsre Annäherung an Frankreich. Darum ist es niemand erlaubt, seinen Worten eine Deutung zu leihen, die sie nicht haben, und darum drucke ich sie hier ab, und lasse sie für die glasklare Art ihres Verfassers besser zeugen, als ich es imstande wäre:
„Man durfte nicht von mir verlangen, daß ich in der Darstellung meiner Kriegsaventüren, eine artige Verbeugung gegen das System wie gegen die Leute machte, die mich einige Wochen lang peinigten.
Aber ich bin ebensoweit entfernt von dem Willen, den luxemburgischen Nachkriegshaß zu züchten oder gar zu verewigen. Der Preuße hat mir zu weh getan, als daß wir jetzt mit ihm tun sollten wie die Faustkämpfer in der Arena, die sich nach dem Match die Hände reichen. Das muß man trotz alles guten Internationalismus nicht von mir verlangen. Aber es gehört bornierte Rohheit dazu, den Deutschen von heute ihre schwere Erbschaft dadurch noch zu versalzen, daß man nicht müde wird, ihnen die Scheußlichkeiten ihrer Soldateska von 1914 unter die Nase zu reiben. Das blutige Spiel war kein fair play; daher soll es auch nicht wie ein fair play beschlossen werden. Das wäre Heuchelei. Aber jeder muß sich Mühe geben, mit seinem Haß, der eine verfluchte Krankheit ist, aufzuräumen und in der siechen Brust nach der Liebe, nach dem Bruderschaftsgefühl zu suchen.
Mit den paar harten Worten an die Deutschen, die sich mir bei der Erzählung in die Feder drängten, habe ich für mich die Sache erledigt. Wenn man einem Verirrten, einem Schuldigen den Weg gezeigt und die harte Wahrheit gesagt hat, muß man fertig sein. Alte Weiber kommen aus den gehässigen Kommentaren nicht heraus. Wenn junge Männer wie alte Weiber werden, wird man es in der Welt nicht mehr aushalten können. Europäisch Gesin nte, wie ich einer sein möchte, flennen nicht über die Vergangenheit, sie halten sie fest, ehrlich und - wenn es sein muß - zornig, aber dann greifen sie schnell nach Anderem. Das Andere aber heißt: Haß gegen den Haß, Kampf gegen die Verrücktheit, von der ein Stücklein auf den Seiten dieses Buches erzählt wird, Mitarbeit am geistigen Brückenbau von einer Nation zur andern.“