Gutta cavat lapidem non vi, sed saepe calendo. - Ein täglicher Tropfen höhlt den Stein. Also lasse ich wieder meinen Tropfen fallen.
Es handelt sich - - doch ich will nicht vorgreifen.
Vor einigen Tagen kam ich spät abends von der Arbeit. Es war stichdunkel. Von den Reden, die ich nachmittags in der Kammer gehört hatte, wurde es auch nicht heller. Ich ging meinen gewohnten Weg von der Louvignystraße her, zwischen den beiden alten Patrizierhäusern durch, wo seinerzeit der Durchbruch nach der Aldringerstraße gemacht wurde. Sie erinnern Sich, daß es damals hieß, auch am andern Ende der Louvignystraße solle durchgebrochen werden, nach dem Wilhelmplatz zu. Aber dazu langte es nicht. So waren die Louvignysträßler schon zufrieden, als der Torbogen zwischen den Häusern München und Klein fiel und mit ihm das alte hölzerne Scheunentor, das nach jener Seite die Welt mit Brettern zugenagelt hielt.
In Gedanken versunken ging ich meines Weges, als ich plötzlich mit dem Kopf an einen Gegenstand stieß, der mir härter zu sein schien, als mein Schädel. Bei näherer Untersuchung durch Abtasten und Ableuchten mit Streichhölzern gelang es mir festzustellen, daß es sich um einen Bretterverschlag handelte, der genau an der Stelle des alten Torbogens errichtet war. Sobald sich die Gehirnerschütterung, die ich durch den Anprall erlitten, einigermaßen gelegt hatte, wurde mir der Zusammenhang klar. Hinter dieser Bretterwand sind die Erdarbeiter und Maurer damit beschäftigt, zwei umfangreiche Neubauten zu errichten. Dem Zug der Zeit entsprechend kann es sich nur um Banken handeln. Diesen Neubauten zulieb ist also eine Straße mitten in der Stadt kurzerhand für vielleicht Jahresfrist einfach luftdicht abgesperrt. Und schon wollte ich in der Richtung dieser Gedanken mich einem gelinden Arger überlassen, als mein vernünftigeres Ich die Überhand gewann und dem andern Ich beschwichtigend zuredete: Wie schön es doch sei und wie bezeichnend für den Fortschritt unserer Hauptstadt, daß endlich diese beiden Baustellen, die wie Räudeflecken mitten im Städtebild lagen, sich mit ansehnlichen Gebäuden bewachsen, daß Handel und Wandel usw. und daß wir zuversichtlich in die Zukunft usw. usw.
Sie merken bei alledem noch keinen steinhöhlenden Tropfenfall! Jetzt kommt er.
Diese Stadtecke ist eine der letzten, aus der letzte Überbleibsel unserer alten Festungszeit verschwunden sind und jetzt vollends verschwinden.
Nach 10 Jahren wird sich niemand mehr vorstellen können, wie die Ecke heute aussieht, denn schon heute kostet es uns Mühe, sie uns ins Gedächtnis zurückzurufen, wie sie vor 10, 20, 30 und gar 40 Jahren war. In einem Menschenalter wird ein dreißigjähriger Stockluxemburger nicht mehr wissen, was der Cavalier Jost war und wie das alte Tornaco’s Haus ausgesehen hat.
Ich habe noch jedesmal, wenn ein charakteristischer Zug aus unserm Straßenbild verschwand, um einem andern Platz zu machen, die städtische und staatliche Bauverwaltung beschworen, ihn wenigstens im Bilde festzuhalten. Das erste Mal war es, wenn ich mich gut erinnere, als der Dousseau’sche Neubau anstelle des malerischen alten de Muyser’schen Hauses in der Philippstraße aufgeführt wurde. Noch vor 30 Jahren sah der Paradeplatz völlig anders aus, als heute. Ohne vom Cercle zu reden, nenne ich nur „Josten Eck“, an dem heute das H@us Müller steht. So wächst die Stadt allmählich in eine neue Haut hinein; hier magnifiziert Herr Kieffer die alte Brosius-Fassade, dort gedeiht der Riesenbau der Arbed aus dem Boden, unsere Kinder und Enkel werden keine Ahnung mehr haben, wie zu unserer Zeit die Stadt ausgesehen hat. Und daran haben wir doch ein Interesse, gerade wie ein Enkel Interesse daran hat, zu wissen, wie seine Großmutter ausgesehen hat.
Wer legt uns ein Album an mit allen Ecken und Flecken, die aus dem Städtebild verschwinden?