Die Welt ist voller Widersprüche.
Als in den amerikanischen Novembertagen 1918 Herr Burr Mackintosh die Luxemburger unter die Macht seiner Rede zwang, verfehlte er nicht, uns Bilder zu zeigen, auf denen man ihn sah, wie er handärmelig auf einer Tonne, einem Wagen, einer Treppe, einer Veranda stand und die Flammen seiner Worte unter seine gespannt horchenden Landsleute warf.
Das war, als die Vereinigten Staaten Soldaten zusammentrommelten, um nach Europa in den Krieg zu ziehen. Mit jedem Mann, den Herr Burr Mackintosh anwarb, hoffte er zehn Feinde zu überwinden und mindestens 6-7 davon zu töten.
Heute ist es umgekehrt. Heute macht Amerika ganze Karawanen von Rednern mobil, nicht um Menschenleben zu vernichten, sondern um Menschenleben zu retten. Dem Tuberkelbazillus rückt es mit dem Projektionsapparat zu Leibe.
Das Befremdende ist nur, daß damals die Menschenleben. auf deren Vernichtung es ausging, durch die Bank blühende, wertvolle Leben waren, während jetzt die Leben, die gerettet werden sollen, nicht selten welk und unnütz sind. So ist die Menschheit. Sie zerstört mit gleicher Begeisterung heute, was sie morgen aufbaut. Wohl der beste Beweis, daß in den Augen der Menschheit das Leben nicht der Güter höchstes ist. Wenn man sie in Ruhe ihren guten Instinkten überläßt, diese merkwürdige Menschheit, so findet sie oft trotz allem den rechten Weg.
Da wir grade vom Kampf gegen die Tuberkulose reden, möchte ich mir die bescheidene Frage erlauben, ob es nicht auch ein klein wenig in der Richlung der Bestrebungen der A. T. L. läge, gegen die Staubplage zu agitieren, die im Gefolge der Automobile das Land heimsucht. Wenigstens in den be- wohnten Ortschaften müßte ein Mittel gegen diese Kalamität gefunden werden. Die Hausfrauen stehen dicht vor dem Selbstmord. Unmöglich, ein Fenster zu öffnen, will man nicht im Verlauf einer Stunde eine fingerdicke graue Schicht auf allen Möbeln, Decken, Teppichen und Vorhängen liegen haben. Abgesehen davon, daß der Staub unter Umständen sich auch auf Suppe, Fleisch. Gemüse und Dessert heruntersenkt und den Hausgenossen lieblich unter den Zähnen knirscht.
Das Unheimliche aber ist, daß die Leute diesen ewig aufgewirbelten Staub und mit ihm die Tuberkelbazillen einatmen, die er enthält. Also nieder mit dem Staub!
Ich weiß nicht, ob sie in Amerika schon ein Mittel dagegen gefunden haben. Der Erfinder eines solchen Mittels wäre ein Wohltäter der Menschheit im Allgemeinen und der Automobilbesitzer im Besondern. Denn wenn es auch tausendmal aussieht, als wirbelten die Autofahrer absichtlich und ihren Mitmenschen zum Tort den Staub auf und als schadenfreuten sie sich im Vorbeifahren heimtückisch über deren zornige Gesichter, so glaube ich dennoch annehmen zu dürfen, daß auch die Autobesitzer viel lieber den Staub entbehren würden. Schon um nicht selbst auf der Straße kilometerweit im Staubschweif eines Vordermannes fahren zu müssen.
Ich habe schon allerlei Mittel gegen die Staubplage erwähnen gehört. Das Straßenberieseln ist das einsachste und findet deshalb am wenigsten Beachrung. Ein Dorfbewohner entwickelte mir eines Tages folgende Idee: Da der Staub nur beim raschen Fahren auffliegt müßte man in den Dörfern das rasche Fahren verhindern. Dies wäre zu bewerkstelligen, indem man alle 20 oder 50 Meter quer über die Stroße einen flachen Graben zöge, den die Automodile nur im Schneckentempo überqueren könnten, wollten sie nicht alle vier Ressorts auf einmal zu Schanden sprengen. Die Bauernwagen kämen bei ihrer langsamen Gangart glatt hinüber. Statt der Gräben könnte man auch Schlagbäume anbringen, sodaß bei jedem Schlagbrum das Auto halt machen müßte. Bedient werden könnten sie vermittelst irgend einer Vorrichtung vom Wagen aus. Aber so wäre es unmöglich, von einem zum andern Hindernis in ein staubaufwirbelndes Tempo zu gelangen.
Die Idee beweist auf alle Fälle, daß die Leute draußen um jeden Preis nach einem Mittel gegen den Staub suchen.
Ein andrer schreibt mir, man müßte von jedem Auto verlangen, daß es hinten einen Behälter mit Petroleum oder sonst einer staubniederschlagenden Flüssigkeit führte, der als Berieselungsapparat vom Führersitz aus in Tätigkeit gesetzt werden könnte, zum mindesten durch die Ortschaften. Ein wenig Gestank auf oder ab fällt nicht ins Gewicht. In absehbarer Zeit wäre durch die rund 1200 Autos, die wir im Lande zählen - ohne die Ausländer, - der Staub aller Straßen derart fettdurchtränkt und beschwert, daß kein Sturmwind und kein Saugewind ihn mehr vom Boden emporzuwehen imstande wäre.
Was sagen die Fachleute?