Ich habe am Sonntag eine heroische Landschaft im Herzen unsrer Heimat entdeckt. Nicht, daß ich sie zum ersten Mal gesehen hätte. Aber am Sonntag habe ich sie entdeckt. Es ist die Landschaft um Colmar-Berg, vom Attert-Tal aus gesehen.
Lag es an der besondern metereologischen Stimmung des Tages, waren alle die Stunden vorher eine Vorbereitung darauf, eine Hinleitung dazu gewesen? Soviel ist sicher, wie ich die Landschaft am Sonntag sah, stellte sie in einer bestimmten Richtung ein Höchstmaß klassischer, idealer Schönheit dar.
Wir waren über Kleinbettingen in’s Attert-Tal gefahren. Sie erinnern Sich, wie Vormittags der blaue Himmel Berg und Tal überspannte, die Buchenwälder schäumten mit allen Wipfeln vor Frische im Sonnenlicht, die Apfelbäume jubelten weiß und rosa, es war Brautzeit über Acker und Wiese. Die Glocken läuteten, die Häuserfronten leuchteten, aus den Türen kamen die sonntäglich geputzten Kirchgänger und Kirchgängerinnen, und eine davon pflückte im Gärtchen ein Zweiglein Märzviolen und legte es in ihr Gebetbuch.
Es tat mir leid um alle guten Freunde, die ich habe und die an jenem Vormittag nicht mit mir im Atterttal waren.
Das Ösling ist schön, und die Mosel ist schön, und das Müllertal ist schön, und das Warktal mit dem lieblichen Welscheid mitten drin heimelt dich an, aber das Atterttal ist auch schön. Es hat seine Schönheit für sich, es ist ganz Lieblichkeit und Idull und atmet Froude am Leben, Wohlstand und deftige Kultur. Kein Ort da herum, wo man nicht drei Hütten bauen möchte: Mir eine, dir eine und dem Elias eine. Viele täten es schon ohne den Elias.
So kamen wir durch die Wiesen nach Bissen. Dort fängt gewissermaßen die nähere Vorbereitung auf die heroische Landschaft an. Die rasch hinströmende Attert verlangsamt mählich ihren Lauf, aus dem Flüßchen wird ein stiller, breiter Teich, mit Erlen besäumt, auf dessen dunkelm, glattem Spiegel die Wasserspinnen hin- und herschießen. Ganz in der Ferne rauscht leise das Wehr, das die Wasser zum Teich staut. So ein „Wog“ ist ein unheimliches Sinnbild der Erwartung, der Stille vor dem Sturm. Schwüle, fast unheimliche Ruhe. Balladen von Mädchen, die nachts beim Mondenschein aus Verzweiflung in’s Wasser gehen, flüstern im Erlenlaub. Dann steht mitten im Tal die weiße Fabrik. Vor Jahren hat sie die Eroberung des Tals unternommen, aber sie vermochte es nicht zu unterjochen, wie andre Täler von Rauch und Braus der Industrie unterjocht wurden. Sie und das Tal stehen sich auf ihren Stellungen trotzig gegenüber. Sie sagt: Ich gehe nicht an dir zugrund, an deiner Stille, deinem Idyll, deiner Abgeschiedenheit, ich fresse mich durch! Und das Tal sagt: Du kriegst mich nicht unter, meine Wiesen und Äcker und Bäume tragen weiter Gras und Korn und Äpfel, und meine Bauern bleiben ihre eigenen Herren, ich will kein Industriezentrum werden!
So liegt die Fabrik da wie aus einem Biedermeierroman hereingerettet in unsre Zeit der Unrast und des verfluchten Maximums.
Im Dorf, erquickende Rast, freundliche, kluge Menschen. An der Eisenbahn vorbei, über Wiesen und durch Wald führt ein Nebenweg nach Colmar-Berg. Dort wiederholt, sich der Bissener Eindruck: Ein Eisenwerk, das sich mitten in den Zauber einer wundervollen Landschaft hineingebettet hat und sie nicht auffressen konnte. Die Menschen gingen den Wassern nach, ihre Kräfte aufzufangen und zu bändigen, und die Wasser führten sie manchmal in die Irre.
Hier nimmt also die Landschaft heroischen Charakter an. Es ist, als ob vor Jahren jemand hier gehaust hätte, der sich dieses inneren Reizes der Gegend bewußt war. Dort das zischtende Wehr mit der altmodischen Brücke könnte in einem Bild von Poussin oder Claude Lorrain stehen. Aber der Blick nach Schieren hinauf ist überwältigend. Es geht gegen Sonnenuntergang. Links, durch einen Einschitt zwischen den Höhen, fällt ein Strom warm gelben Lichts herein, streift das Schloß - das mit seiner nordischen Architektur barbarisch wirkt - legt sich quer über die Wiesen und Saaten des Talgrundes wie eitel Gold, verklärt im Hintergrund die Höhen von Erpeldingen und Michelau, fängt sich in dem weizenbraunen jungen Laub der Pappeln, daß es aussteht, als ständen sie in goldnen Blüten, so leuchtend heben sie sich ab von dem Dunkel der Tannen, dem Geün der Buchen, dem Weiß der Apfelblüten. Wäre das Schloß richtig in den Styl der Landschaft hineinkomponiert. so fehlte an dem @alen Bild kein Strich. Alles ist da, Größe, Einheit in der Mannigfaltigkeit, Zauber der Beleuchtung.
Aber vielleicht ist das Bild nur in dieser einen Viertelstunde und in dieser Jahreszeit schön? Dann war es eben ein Gnadengeschenk des Zufalls.