Original

15. Mai 1920

Zwischen Gas und Elektrizität besteht eine tief gehende Rivalität.

Sie erstreckt sich bis auf die Kassenboten der beiden Werke, die die Stadt mit dieser und jenem versorgen.

Nicht daß diese beiden ehrenwerten Männer sich in schnöder Eifersucht gegeneinander verzehrten. Sondern es handelt sich um eine Lücke, die auszufüllen die Stadtverwaltung als ihre heiligste Pflicht betrachten sollte.

Wenn der Kassenbote des Elektrizitätswerkes bei Ihnen vorspricht, um den Betrag der Rechnung einzuziehen, wissen Sie sofort, daß Sie einen Vertreter der Behörde vor sich haben. Irgend etwas zeichnet ihn vor seinen Mitbürgern aus, eine Mütze mit ein paar kupfernen Buchstaben, ein Uniformmantel, irgend etwas in seiner Bekleidung, wodurch er als der Vollzieher einer Amtshandlung gekennzeichnet wird. Dieser Mann zieht mit der Mütze, die er aufsetzt, den gewöhnlichen Bürger aus, der ein Zweihundertfünfundzwanzigtausendstel der Einwohnerschaft unseres Ländchens ist, und zieht den Vertrauensmann der Stadtverwaltung an, der absolut einzig in seiner Art ist, von dem es in der Stadt, im Land, in Europa, auf der ganzen Welt, im ganzen Weltall nur ein einziges Exemplar gibt.

Dagegen der Kassenbote des Gaswerks! Er muß sich von Kopf bis zu Füßen selber kleiden. Und so kleidet er sich eben wie jedermann. Er zieht meinetwegen einen Sportsanzug an, wie ihn ein jeder sich heute leistet, wenn er auch zu keiner Art von Sport in der entferntesten Beziehung steht. Wenn früher ein junger Mann Reithosen und Leggins anlegte, so geschah es, weil er reiten wollte oder mußte. Gamaschon deuteten darauf hin, daß ihr Träger durch Schmutz und Nässe, durch Gestrüpp oder taufeuchtes Gras waten mußte. Aber seit wir Männer, die fremde Sprachen redeten und deren Brust mit Riemenzeug umfangen war, in Ledergamaschen mit Damen in Balltoilette in den ersten Salons der Stadt tanzen sahen, hat die Sohllederumpanzerung der männlichen Wade ihre ursprüngliche Bedeutung verloren und ist salenfähig geworden. Nichts ist für unsre Zeit bezeichnender, als der Zug nach der Ledergamasche - sie ist ein Symbol für die leidenschaftliche Sucht der Menschen, zu scheinen was sie nicht sind.

Ich bitte, mir diese kurze Abschweifung zugute zu halten und mit mir wieder zum Gas-Kassenboten zurückzukehren.

Also dieser junge Mann hat keine Befugnis, sich vor andern Bürgern durch ein Merkmal in seiner Bekleidung auszuzeichnen. Er ist irgendwer. Er kommt, wie der erste Beste von der Straße herein und legt Ihnen Ihre Rechnung vor. Und Sie, als braver Staatsbürger, empfinden eine gewisse Diminutio capitis darin, daß man Ihnen zumutet, Ihr gutes Geld diesem Xbeliebigen anzuvertrauen, der nicht einmal ein L aus Messing über dem Mützenschild führt! Sie können verlangen, daß Ihnen die Stadt, wenn sie die Hand nach Ihrem Geld ausstreckt, auch äußerlich kenntlich Ihnen gegenüber tritt. Es könnte vorkommen, daß der Kassenbote in einem dunkeln Hausgang von irgend einem Bösewicht durch einen Faustschlag auf den Schädel betäubt würde. Der Attentäter nähme einfach Tasche, Kassenbuch und Quittungen und ließe sich von den Kunden die Rechnungen bezahlen. Wäre der Kassierer in Uniform, trüge er auch nur eine Dienstmütze, so ginge das nicht so einfach. Die Mütze wäre dem Spitzbuben zu groß oder zu klein, er könnte sich nicht lange beim Kleiderwechsel aufhalten, kurzum, er müßte schon eine ganze Köpenikiade inszenieren, um zu seinem Zweck zu gelangen.

Ich gebe daher der zuständigen Stelle zu bedenken, ob sie dem Kassenboten des Gaswerkes nicht auch eine Uniform anschaffen soll. Es widerstrebt meinem Gefühl für Ordnung im Staat, daß ein ganz gewöhnlicher Zivilist als ein so wichtiger Vertreter und Beauftragter der Behörde durch die Straßen und in die Häuser gehen soll.

Daß unsre Minister sich nicht mehr dem Volk in Uniform zeigen wollen, begreife ich. Aber ein Kassenbote ist kein Minister, Gott sei Dank! Obgleich er es auch noch werden kann.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1668