Mir fallen seit ein paar Tagen gewisse Gestalten im Straßenbild auf.
Vorgestern kreuzte eine Gruppe junger Leute meinen Weg. Einer löste sich von seinen Kameraden los, kam auf mich zu, hob seine Zigarette gegen die, die ich eben rauchte und sagte zuversichtlich: „E Stückche @uer, bitte.“
Ich war seit zirka anderthalb Jahren nicht mehr deutsch auf der Straße angeredet worden. Ich sah mir daraufhin die Fremdlinge näher an. Es waren richtige Vorkriegsfechtbrüder. Fast anheimelnd ging mir der Anblick ein. Ja, das waren sie, wie sie vor dem Weltgewitter auf schiefen Absätzen durch die Lande zogen, vom Wandertrieb herumgeweht, der Schrecken der Hausfrauen, die Wäsche auf der Leine oder Hecke hängen hatten, manchmal ohne moralische Hemmung, oft ehrlicher und anständiger, als der Bauer, der ihnen seine Scheune verschloß und seine Hunde auf sie hetzte.
Das Wanderburschentum ist international. Der deutsche Walzbruder, der amerikanische Tramp, der französische Chemineau - sie haben den einen Zug gemeinsam: die tiefwurzelnde, leidenschaftliche Liebe zur Unabhängigkeit. Manche sterben daran im Straßengraben, andre werden durch die mit den Jahren wachsende Behäbigkeit und Steifheit in’s Seßhafte abgedrängt und leben ihr Landstreicherdasein nur noch in der Erinnerung weiter. Aber was sie die Straßen entlang trieb, war die Ahasvernatur, die in uns allen wohnt und in all denen sich auswirkt, die stark genug und welt- und lebensgierig genug sind.
So international aber dieser Trieb in’s Weite ist, so verschiedenartig tritt je nach der Nationalität der Typus in die Erscheinung.
Die vier Walzbrüder, aus deren Gruppe einer mich um Feuer für seine Zigarette ansprach, glichen einander im Äußern wie ein Tropfen Wasser dem andern. Nicht in allen Einzelheiten. Aber das Ganze deckte sich bei allen in allem Wesentlichen. Daß sie einer wie der andre plumpe, schiefgetretene Stiefel trugen, gehörte sozusagen zur Uniform. Darüber schlotterten Hosenbeine, die sich nach unten erweiterten, wie die Blunderbüchsenläufe der klassischen Abruzzenräuber. Ein Kleidungsstück habe ich immer bei diesen Romantikern der Landstraße bewundert: Halb Rock, halb Überrock, mit seitwärts geöffneten Taschen, in die man die Hände wie in einen Muff hineinstecken konnte. Nie habe ich bei einem andern Menschen je dieses Kleidungsstück gesehen. Daß die deutschen Handwerksburschen, von denen die Rede geht, es alle vier trugen, möchte ich nicht beschwören. Einer, den ich zuletzt im Auge hatte, trug es jedenfalls. Aber was sie ganz gewiß alle hatten, war der völlig eigenartige Gesichtsausdruck. Ein Ausdruck teilnahmloser Entschlossenheit, wenn ich so sagen darf, gleichgiltiger Passivität, ein Ausdruck, den sie von den Dingen da draußen gelernt haben. Die Äcker und Wälder und Wiesen und Häuser, die Wolken und die Wasserflächen, das Licht und das Dunkel, die sind auch alle da und sind sich selbst genug, schicken sich drein, tun, was sie tun müssen und wissen, daß es halt nicht anders ist.
Die Walzbrüder haben auch einen eigenen Gang. Er ist peinlich genau in die Mitte zwischen Anstrengung und Trägheit eingestellt. Er schlägt weder nach oben aus, wo es zu schnell, noch nach unten, wo es zu langsam ginge. Der Walzbruder geht nicht, er läßt sich gehen. Wo immer er ist, ist er im Mittelpunkt seiner Strebungen.
Ich habe keine Ahnung, woher die vier kamen noch wohin sie gingen. Irgendwohin, wo sie Arbeit suchten. Die Arbeitsgelegenheiten sind ihnen wie die Steine, auf denen man einen Bach überspringt. Andern Tags kam ein zweiter Schub. Dabei war einer, der die - ich möchte sagen Nachkriegstracht des deutschen Tramps anhatte. Eine graue Litewka und eine Militärmütze ohne Abzeichen, in der Form, wie die jungen Offiziere manchmal ihre Mütze zurechtknüllten und nach hinten zogen, damit sie wie Sportmützen aussahen.
Und ich machte mir meine Gedanken darüber, daß deutsche Arbeitskräfte schon über die Grenzen heraussickern, während die Blüte der französischen Schaffenskraft in Deutschland festgelegt ist.