Als vor einiger Zeit unser Landsmann Charles Bivort in Paris starb, war hier die Rede von seinem Buch. «Mon village, Histoire, traditions, usages, mœurs, coutumes, fêtes religieuses et populaires, lêgendes, métiers, dietons, superstitions, croyances populaires du vieux temps».
Der Titel ist lang. Der Verfasser wollte darin alles andeuten, was sich bei ihm als Kindheit- und Jugenderinnerung angesammelt hatte. Solche Bücher entwerfen, ausdenken und schreiben ist eine Art, sich wieder in der Heimat anzusiedeln. Die Lust dazu, bewußt oder unbewußt, überfällt jeden, der fern von zuhaus Wurzeln geschlagen hat: In einem gewissen Alter ergreift ihn die zwingende Sehnsucht nach den Dingen seiner frühesten Jugend, und verbieten ihm die Umstände, diesem Drang in Fleisch und Bein nachzugeben, sich daheim eine Villa zu bauen, wie es ja der Traum aller Hinausstrebenden ist und sein wird - so lebt er sich in Erinnerungen aus, und weiß der Mann die Feder zu führen, so wird daraus ein Buch.
Ich habe dieser Tage mit wachsendem Genuß wieder das Buch von Bivort gelesen, einesteils, weil ich es mir bei der Nachricht von seinem Tode vorgenommen, andererseits weil ich in der letzten Zeit viel im Altert-Tal gewesen war, dem Bivort entstammte, und daher Lust zum Fachsimpeln über alles empfand, was mit diesem lieblichen Tale zusammenhängt.
Ein kleines Kapitel, das gerade jetzt aktual ist, möchte ich in der Uebersetzung hier wiedergeben. Gestern erzählte mir ein bekannter Unternehmer, daß er in Gasperich gleich 24 neue Häuser auf einmal baut. Ein Hausneubau war früher ein Ereignis, an das sich allerhand Bräuche knüpften. Bei den 24 Häusern in Gasperich wird dazu wohl keine Zeit sein, und auch anderweitig verschwindet von dem FolkloreZeremoniell der Väterzeit ein Stück nach dem andern.
Bivort beschreibt es wie folgt:
„Der Bau und das Beziehen eines neuen Hauses gaben noch in unsern Tagen Anlaß zu gewissen Uebungen, die weit zurückreichen.
Betritt ein Neugieriger die Baustelle, so putzen ihm die Arbeiter die Schuhe, wofür sie in der Regel ein Trinkgeld bekommen, das sie entweder unter sich verteilen oder gemeinsam im Wirtshaus verzehren.
Auf den fertigen Bau wird eine Fahne gepflanzt und der Besitzer muß den Maurern und ihren Gehilfen ein Trinkgeld geben.
In einigen Ortschaften, u. a. in Oberpallen, hielt früher bei diesem Fest der Maurermeister oder ein Geselle eine Rede. Dabei war dem Redner die denkbar größte Freiheit eingeräumt. Er benützte sie manchmal, um sich in aller Offenheit über Einzelheiten der Dorfchronik zu verbreiten, die die zahlreich herbeigeeilte Zuhörerschaft interessierten. (Wie schade wäre es, wenn dieser Brauch vergehen sollte oder vergangen wäre! Wir hätten im Maurerhandwerk die beste Vorschule für Gemeinderat und Parlament!)
Der Pfarrer segnet das Haus, bevor die Bewohner hineinziehen. Er geht durch alle Räume und besprengt sie mit Weihwasser. Dieser Brauch hat den Zweck, die bösen Geister zu verjagen und die neuen Bewohner vor dem Mißgeschick zu bewahren, das sich in dem Sprichwort ausdrückt: Aus engem neien Haus - Muß een eraus.
Der „Hél“ wurde von der Dorfjugend aufgehängt, die dafür von dem Besitzer regaliert werden mußte.
Nach einem alten Brauch muß derjenige, der die Bewohner eines neuen Hauses zuerst besucht, ein Ei bekommen, aber unter der Bedingung, daß nicht er, sondern der Besitzer zuerst das Wort ergreift.“
Soweit Charles Bivort.
Von all diesen Gebräuchen gefällt mir am besten der letzte. Er paßt ganz wunderbar auf unsere politisch-wirtschaftliche Lage von heute.
Wir sind zu Frankreich in sein neues Haus gegangen und haben naseweis geredet, ehe man das Wort an uns gerichtet hatte. Darum bekommen wir kein Ei.
Wir hätten im andern Fall allerdings auch keines bekommen, aber wir hätten dann immer noch sagen können, wir hätten nicht darauf reflektiert.