Was wäre das Leben ohne Gegensätze? Was ist eine Landschaft ohne Berg und Tal, ein Bild ohne Licht und Schatten, eine Küche ohne fett und mager?
Freuen wir uns an den Gegensätzen. Gefällt uns oben nicht, so gefällt uns doch unten. Eine absolute Wahrheit und Gerechtigkeit gibt es nur zu 50 Prozent, die andern 50 Prozent gehören der Gegenseite.
Ich sammle Gegensätze.
In der Kammer war es politisch hoch hergegangen. Über die Fehler der Regierung, die Unfähigkeit der Regierung, den Vaterlandsverrat der Regierung, über Millionensehlbeträge und ihre Deckung, über die Zukunft, die dem Proletariat gehören soll, über lauter Dinge, die unheilschwanger, wie unheimliche Blindgänger am Wege liegen. Die Nerven bebten, die Gehirnzentren arbeiteten, daß sie dampften, die Augen blitzten und die Lippen bebten, und in jeder Kehle lag ein Schrei auf der Lauer.
Fünf Minuten nachdem die Sitzung aus war, saßen draußen auf der Freitreppe zwei kleine Mädchen, eines in blonden, eines in braunen Locken, und machten ihren Puppen Kleider, reihten Perlen zum Schmuck und taten, als säßen sie auf der Treppe ihres Elternhauses und als hätte niemals an einem 13. August die Brandung der Volkswut diese Stufen überbraust und als wäre das Haus dahinter niemals der Hexenkessel gewesen, in dem die höllischen Latwergen der politischen und sonstigen Zwieträchte gebraut werden.
Wer einmal die Kulturgeschichte unsrer Zeit schreibt, müßte von jeder dieser beiden Szenen ein Bild haben: Von der Meuterei des 13. August 1919 und von dem Idyll aus den Maitagen 1920.
Andrer Gegensatz: Ich saß vorgestern abend ein halbes Stündchen im Kasino mit einem Jugendfreund. Wir tranken bescheiden eine Flasche luxemburger Bier, rauchten dazu eine Pfeife und redeten von den Weltläuften. Wir waren in dem großen Saal ganz allein.
Um elf Uhr stellte uns der Kellner eine Flasche hin, der ein Stumpf Stearinlicht im Hals steckte, drehte die Glühbirnen aus und stellte die Stühle auf die Tische. Der ganze Raum war nur noch durch das rote Kertzenflämmchen erhellt. Und da sagten wir wie aus einem Munde: Als die Amerikaner da waren! - Ich brauche es Ihnen nicht auszumalen: Kein Platz frei durch alle Säle, Champagnerströme über alle Tische, begeisterte Reden, Lieder, Musik, die Decke leise im Takt des Fox-Trott schwingend, draußen Car an Car mit Bächen von Licht über’s Pflaster, Freundschaftsbünde fürs Leben zu Dutzenden, Flirt, Jubel, Befreiungstaumel - und jetzt, ein Kerzenflämmchen wie auf einem Friedhof, zwei Einsame, die schwarz in die Welt sehen, und Hunderte von Stuhlbeinen deckwärts ragend.
Dritter Gegensatz, ein wenig amüsanter, als dieser zweite:
Irgend eine Nummer der Indépendance Luxembourgeoise, wo sie auf Belgien schimpft und prophezeit, daß wir unbedingt an Frankreich kommen müssen. daß die Würsel gefallen sind, daß nicht mehr daran zu tippen ist und daß die nächsten Tage die Entscheidung bringen werden.
Und daneben folgender Satz aus derselben Indépendance Luxembourgeoise von gestern:
«Et nous, les patriotes francophiles, qui avons lutté et souffert avec et pour la France, la Belgique et le Luxembourg, indistinctement, nous nous féliciterons d’une solution qui fut de tout temps dans nos vœux et que nous n’aurons pas été les derniers à avoir provoquée.»
Wer doch auch so einen glücklichen Charakter hätte, daß er, wenn ihm die Türe auf der Nase zugeschlagen wird, sich draußen auf eine Bank setzen und sagen könnte: Gott sei dank, diese Bank ist die einzige Sitzgelegenheit, nach der immer mein Sinn gestanden hat!