Wovon man gestern in den Caféhäusern redete, war, daß die Industrie dem Staat wieder eines feiner guten Pferde ausgespannt hatte.
Natürlich, wenn die Industrie einen Mann aus gesicherter, pensionsfähiger Stellung herauslockt, muß sie ihm reichlich Ersatz bieten, und dann nimmt sie nicht den ersten und auch nicht den zweiten Besten. Sie sieht sich ihre Leute an, ehe sie zugreift.
Die einen werden sich mit dem also Ausgezeichneten freuen, andre sind neidvoll verärgert. Jemand sagte mir, jemand habe ihm davon gesprochen, daß jemand ein Gesetz machen wolle, wonach niemand im Land ein höheres Gehalt beziehen dürfe, als der Staatsminister.
Man kann das verstehen so und man kann es verstehen so. Entweder soll das Land seinen Ministern dieselben Gehälter bezahlen, die die Ersten in der Industrie beziehen. Aber dann gäbe es erst recht Minister, die man totschlagen müßte, um sie von ihrem Fauteuil fortzubringen. Oder die leitenden Männer der Industrie müßten sich mit den Gehältern begnügen, die die Kammer den Ministern auswirft. Darauf würden die leitenden Männer der Industrie pfeifen und die Industrie könnte sehen, wie sie mit dem billigen Ersatz zurecht käme.
Man sollte sich klar machen, daß die Industrie mit der Konkurrenz zu rechnen hat und der Staat nicht. Die Industrie, muß in allem nach dem Maximum gieren, sonst geht sie überhaupt in die Binsen. Die Staatskarre aber läuft geruhig von selbst ihren Weg, konkurrenzlos, ihrer Allmacht sicher. Nur an ge- schichtlichen Wendepunkten, wenn Trottel die Karre in den Sumpf haben laufen lassen, meldet sich manchmal ein Befeuerter, der aus Liebe zur Kunst sie herauszieht und neu in Schwung bringt. Sonst muß eben das Volk selbst die Karre mitsamt den Ministern herausschleppen.
Im Staat kann der Beamte, der es in sich hat, nicht außer der Reihe an die Stelle gelangen, auf der er nach dem Ausmaß seines Könnens zu wirken berufen wäre. Er muß in den Schranken des Rangalters Queue machen und manchmal auf dem Stengel verdorren. Die Industrie kennt diese Rücksichten nicht. Die Hierarchie ihres Beamtenapparates ist das freie Spiel der Kräfte. Zuweilen, seltener, als man zu glauben versucht wäre, und jedenfalls nicht länger, als unbedingt nötig ist, wird das tote Gewicht eines Herrn mitgeschleppt, der mit dem Namen und den Aktien seiner Vorfahren nicht deren Tatkraft und Intelligenz geerbt hat. Aber soviel ist sicher: Was in der Industrie wird und wie es wird, das wächst organisch aus dem Wirken der mannigfaltigen Kräfte, die nicht in die Grenzen eines Staates gebannt sind, sondern über den Erdball hinweg ineinander greifen.
Und noch eins: In der Industrie hat der wertezerstörende Faktor Politik auf die Wahl der Hilfskräfte keinen Einfluß, wie im Staat. Die Nietenchance ist damit auf ein Minimum zurückgeführt. Der Mann muß durch sich sein, nicht durch die Partei. Und hat er sich als unfähig erwiesen, so kann ihn keine Partei und keine Majoratät retten, er wird so elegant, wie er es im Übrigen verdient, inaktiviert. Der Staatsbeamte sitzt sich, ob Genie oder Kameel, bis an die Altersgrenze hinauf. Und hängt er von der Politik ab und hat die Majorität hinter sich, so darf er sich die himmelschreiendsten Eseleien leisten, er sitzt sest im Sattel.
Darum bezahlt die Industrie ihre Beamten besser, als der Staat die Seinigen.
Was nun diesen speziellen Fall betrifft, so wird Herr Dr. Nickels als Kammergreffier relativ leicht, als Verwalter von Bad Mondorf ungleich schwerer zu ersetzen sein. Wer Gelegenheit hatte, mit Abgeordneten zu reden, die seinen Bericht über das Staatsbad, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gelesen haben, bekommt die Überzeugung, daß da eine entschlossene, klare und sichere Kraft am Werk war, gleich weit entfernt von dem System der ausgetretenen Geleise wie von einer gewagten Abenteurerpolitik. Leider ist zu fürchten, daß Mondorf jetzt wieder rettungslos dem Bürokratismus, der Teilnahmlosigkeit, dem Unverstand und der Skepsis der Regierung zum Opfer fallen wird.
Auch ein Betrieb, den die Kammer so rasch wie möglich vor der staatlichen Sabotage retten und entsozialisieren sollte.