Original

21. Mai 1920

„Du bist doch der größte im Dorf?“ sagte ich.

„Von den jüngeren, jawohl“, antwortete er nicht ohne einen Schuß bescheidenen Stolzes. „Aber unter den Alten sind viele, die größer sind, als ich.“

Ist Ihnen das nie aufgefallen, daß man sein ganzes Leben hindurch den Eindruck behält, die Älteren seien durch die Bank größer. als das jüngere Geschlecht? Und nicht nur größer, sondern auch reifer, klüger, besser?

Obiges Gespräch regte mich dazu an, mich in meinem Bekanntenkreise umzusehen. Ich war verwundert, wie fast durchweg die Männer meiner näheren Bekanntschaft kleiner sind oder doch jedenfalls den Eindruck machen, kleiner zu sein, als ihre Väter waren. Ich kann natürlich nur von den Fällen reden, wo ich die Väter persönlich kannte. Und da sind wenigstens zwei Drittel der Söhne an Leibeslänge - wenn auch nicht immer an Umfang - hinter ihren Erzeugern zurückgeblieben.

Diese absteigende Linie kann natürlich keine dauernde gewesen sein, sonst wären wir heute ein Geschlecht von Pugmäen. Es steht umgekehrt fest, daß jedenfalls seit dem Mittelalter unsre körperlichen Ausmaße zugenommen haben. Die größte der historischen Ritterrüstungen, die heute in Museen oder alten Stammschlössern aufbewahrt werden, hat zur Not Raum für einen Durchschnittsmitteleuropäer von heute.

Wir sind also zwischen zwei steigende Wellen geraten. Das kann auf allerhand Zusammenhängen beruhen. Die Natur sorgt immer für eine gesunde Mittellinie. Große, starke Männer haben immer eine auffallende Neigung gezeigt, sich zierliche Frauen zu küren, Knirpsen steht der Sinn nach brunhildischen Figuren. Nur manchmal beim Adel, wenn ein bewußtes Hinaufentwickeln der Rasse mitspielt, findet sich Hünenmann zu Hünenweib. Die Zuchtwahl, die der Genius der Gattung trifft, wäre demnach die Veranlassung zu diesem auf und ab in den äußerlichen Dimensionen der Geschlechter.

Die intelektuelle, moralische, ethische Kuppelung aber geht weniger instinktiv vonstatten. Der dümmste Freier gerät manchmal an das gescheiteste Mädchen, nicht weil es etwa irgend einen Doktor gemacht hat oder mit Intelligenz erblich belastet ist, sondern weil es grade Haxen und eine reine Haut hat. Ein auf und ab für die Hervorbringung geistig großer oder relativ großer Männer gibt es also nicht. Wenn wir in einer Zeit mittelmäßiger Intellekte leben, so dürfen wir uns nicht damit trösten, daß die Natur durch geschickte Mischung der Liebeskarten bald wieder einen Solo Schlemm zustande bringen wird.

Wir haben hier bei uns in jeder der beiden Beziehungen das Gefühl des Epigonentums. Wo in unsrer Kammer z. B. ein Nachkomme eines früheren Abgeordneten sitzt, ist er fast immer kleiner, als Vater oder Onkel oder Großonkel waren. Und wenn wir an die Metz und Servais und de Blochauser und Salentin@ und Simons und Eyschen denken, so will uns bedünken, als seien ihre politischen Erben von heute höchstens von einer obsturen Seitenlinie, einer von denen, die wir am liebsten von jeder Erbschaft ausschließen möchten.

Wir können uns trösten. Wir haben den Mangel an großen Männern mit der ganzen Welt gemein. Jede große Zeit hat immer ihre großen Männer aus sich geboren. Weil die Ereignisse, wenn sie wirklich groß sind den Mann multiplizieren.

So ragen Dutzende von Namen aus der Geschichte herauf. In unserer Zeit sind es vielleicht nur Lenin und Trotzki die später als die Großen des 20. Jahrhunderts genannt werden. Weil sie aus dem Vollen primärer Zustände schafften. Wir haben hierzulande ein paar Große, aber sie sind groß nur für sich und wenn sie so dicht vor ihrem Spiegel stehen, daß ihre Leibesfülle ihnen die ganze übrige Welt verdeckt. Von den Generälen, die im vergangenen Krieg hüben und drüben als die Größten gefeiert wurden, kann niemand sagen, daß sie heldische Ausmaße besitzen. Ihre Größe zerfließt im Anonymat eines Hauptquartiers.

Jede große Zeit gebiert ihre großen Männer. Wenn es uns an großen Männern fehlt, so sucht die Schuld nur darin, daß unsre Zeit keine große Zeit ist.

Sie hat die Quantität, aber nicht die Qualität der Ideale. Darum ist sie klein und nicht groß. Und darum hat sie keine großen Männer.

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    Katalognummer BW-AK-008-1673