Original

22. Mai 1920

Ich sah einen Oktroieinnehmer aus seinem Häuschen treten, mit dem Führer eines Lastautos reden, gnädig abwinken.

Wie lange noch! dachte ich. Noch ein Monat, und das Oktroi wird gelebt haben. Fuimus Troes, werden die „Oktroimännercher“ singen, und in der Versenkung verschwinden. Ein Altes wird vorüber sein, wird zur Geschichte und zur Legende werden. Ein Stückchen Mittelalter wird sich in der Gegenwart aufgelöst haben. wie ein letzter Eisklumpen im Strom.

Ich schlage vor, wir behalten ein Oktroibüro als historische Denkwürdigkeit bei. Ein alter treuer Oktroibeamter setzt sich sommers davor auf eine Bank, winters drinnen zum warmen Öfchen und liest die Zeitung und erzählt den Kindern der Nachbarschaft Märchen. Stirbt er, so wird er durch den nächsten abgelöst, bis alle Oktroiveteranen tot sind, und dann wird der Posten jeweilig vom Gemeinderat an verdienstvolle. Stadtdiener vergeben. Das wäre eine Pietätpflicht gegen die Kulturgeschichte. Ich stelle die Idee allen Ernstes zur Erwägung und melde mich schon heute als eventuellen Kandidaten für die Stelle.

Ein Oktroieinnehmer erschien mir immer im Lichte einer sonnbeschienenen Romantik. Immer dachte ich an den Taugenichts von Eichendorff, der an der Heerstraße seinen Schlagbaum hütet, und dabei von der schönen Frau träumt, die im Schloßgarten spazieren geht und der er ins Land der Pomeranzen nachreist. Zu einem guten Oktroieinnehmer gehört dichterische Begabung. Böse Zungen behaupten bekanntlich, in der Fährgkeitsprüfung für diesen Grad sei vorgesehen, daß der Reziviend drei Stunden lang unbeweglich in der Sonne liegen muß. Das ist zum mindesten übertrieben. Aber dichterisch muß er veranlagt sein, Phantasie muß er besitzen, sonst wird ihm sein Beruf zum Verderben. Ich erinnere mich unseres Nachbareinnehmers während des Krieges. Der hatte Phantasie mehr als ein Kinodramaturg. Er schlug sämtliche Schlachten, die hinter den Bergen donnerten, mit einer Wucht und Präzision, die Bewunderung abnötigte, und wenn manchmal der Ausgang nicht mit den Meldungen der deutschen obersten Heeresleitung übereinstimmte, so hat ihm doch der Endsieg der Alliierten schließlich in Bausch und Bogen Recht gegeben.

Es schadet auch nichts, wenn ein Oktroleinnehmer gärtnerische Neigungen und Fähigkeiten besitzt. Bei den meisten ist es der Fall. Als das Oktroibüro noch am Parkeingang, Marie-Theresien-Avenue stand, hauste dort, vor zirka 40 Jahren, ein Oktroieinnehmer, an dem nicht nur ein Gemüsegärtner, sondern ein Landschaftsarchitekt verloren gegangen war. Er hatte in seinem Gärtchen, der so groß war, wie ein Schnupftuch, eine Felsgrotte erbaut, in der ein Stück Spiegelglas den See darstellte.

Der Oktroieinnehmer wird durch seine Dienstordnung förmlich gezwungen, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Er darf von Eintritt der Dunkelheit an in seinem Büro kein Licht brennen, muß im Finstern wie die Spinne im Netz auf die bösen Menschen lauern, die Schinken, Butter, Eier, Wurst und Branntwein an der städtischen Mauth vorbei schmuggelnwollen. Da kommt die Selbsteinkehr ganz von selbst.

Nicht ohne Einfluß auf den Charakter des Oktroibeamten war auch seine Uniform. Diese Uniform und die des Pedellen am Athenäum sind das Symbol eines wackern, konfervativen Altluxemburgertums. Französischer Schnitt und französisches Kepi aus der Biedermeierzeit, saltige Bequemlichkeit, bescheidene Ausmusterung. Alle Anwandlungen der Mode, alle Wendepunkte unsrer Geschichte sind an dieser Uniform spurlos vorübergegangen. Wenn sie einmal ganz der Vergangenheit angehört, wird an Fastnacht ein junger Mann, der als Oktroikonvoyeur auf die Bälle geht, einen starben Stimmungserfolg haben. Der Mantel des Oktroibeamten könnte in London und Paris die Könige der Herrenmode zu den wundervollsten Schöpfungen auf diesem Gebiet begeistern.

Die Milde und Nachgiebigkeit, in der seit einigen Jahren das Oktroi wie in lauem Wasser plätschert, war zu gewissen Zeiten eitel Tragik und Schärfe. Oktroi! lautete Jahre lang bei den Wahlen das Feldgeschrei, und zur Zeit, wo der See am wildesten raste, verschlang er als Opfer den Häuptling der Verwaltung, den die Oktroigegner grimmig opferten, weil sie damit die ganze Einrichtung zu treffen glaubten.

Heute fällt das Oktroi ganz von selbst ab, wie eine dürre Frucht. Tout vient à point à qui sait attendre!

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    Katalognummer BW-AK-008-1674