Das erste Kuvert, das ich nach den Pfingstfeiertagen aufmache, enthält ein Broschürchen mit dem Nummernverzeichnis der inländischen Automobile, aus dem Verlag Worré-Mertens.
Ich rate jedem, es sich zu kaufen und in die linke Brusttasche zu stecken, wo er es mit einem raschen Griff erreichen kann.
Heutzutage weißt Du nicht, wenn Du morgens aus dem Hause gehst, ob Du nicht im Lauf des Tages von einem Auto überfahren wirst. Darum ist es gut, daß Du in einem solchen Fall sofort feststellen kannst, wem Du zum Opfer gefallen bist. Das erste, was Du tun mußt, wenn Du am Boden liegst, ist, daß Du in Deine linke Brusttasche greifst und in Deiner Broschüre nachschlägst, wer Dich überfahren hat. Du wirst aus dieser Feststellung vielleicht einen Trost schöpfen, vielleicht auch das Gegenteil. Je nachdem es einer war, kannst Du Dich auf prompte und reichliche Entschädigung oder aber auf einen schikanösen Prozeß gefaßt machen. Bist Du romantisch veranlagt, so wird es Dir auch nicht einerlei sein, ob Du von schönen Frauen oder von einem protzigen Neureichen in den Staub gestreckt wurdest. So wirst Du Deine Gedanken zweckmäßig beschäftigen können, während Du darauf wartest, daß sie Dich auflesen und in die Klinik schaffen.
Das Verzeichnis Worré-Mertens enthält 1740 Nummern.
Das muß ein Irrtum sein. Ich bin aus den Pfingstferien heimgekommen mit der Überzeugung, daß es mindestens hunderttausend sein müssen.
Das ganze Land war an den Pfingstfeiertagen eine einzige große Staubwolke. Die Autos rasten durch die heimische Geographie in Abständen von Sekunden, höchstens Minuten. Es kam eins auf alle hundert Meter. Und sie fuhren ausgerechnet alle da vorbei, wo Leute an der Straße saßen oder vorbeiwanderten, um sich des Pfingstgrüns zu freuen. Es schnarchte, tutete, pfiff, bellte, ratterte, stöhnte, heulte rechts und links, vorne und hinten. Die Landschaft duftete nach Benzin und Gummi. Wenn man dachte, jetzt hat sich die eine Wolke gelegt, so kam drunten um die Wegbiegung schon eine neue Pfeilspitze von Staub, schob sich eilig über das Stroßenband, kam in Hörweite, sauste vorüber mit wehenden Schleiern und ließ Gestank und Verfinsterung zurück. Die entsetzten Wandrer flohen in das hohe Gras am Straßenrand, drehten sich um, hielten die Taschentücher vor den Mund und fluchten: Verdammte Kettenhändler! Denn jeder, der heute Auto fährt, muß sich von den Fußgängern, die er anstäubt oder anspritzt, gefallen lassen, daß er im Zorn des Kettenhandels verdächtigt wird. Die Menschheit bestand in diesen Tagen buchstäblich aus zwei Teilen: Die einen, die im Auto saßen, und die andern, die hinterdrein fluchten.
Ich habe wieder einmal glänzend recht behalten: Pfingsten ist das schönste Fest im Jahr, jawohl, aber Pfingsten ist auch das Fest, wo man ruhig zuhause bleiben soll. Je schöner an Pfingsten das Wetter ist, desto ruhiger soll man zuhause bleiben.
Oder man soll sich eine stille Ecke aussuchen mit viel Wald und viel Wasser und wenig Menschen und sich zum Bewußtsein kommen lassen, wie wenig man Menschen und Automobile und Pompiersvereine zu seinem Glück braucht.