Es war so gar nichts Aufregendes in der Athmosphäre. An der Straßenbiegung standen Leute oder saßen auf Bordsteinen und Türschwellen und warteten auf den Ersten. Ein schwarzer Hund, der zu einem der wartenden Herren gehörte, weihselte trägen Schritts über die Straße hinüber und herüber. Das wäre unter normalen Umständen für Leute - darunter mehrere Polizisten und Gendarmen - die auf den Ersten in einem Radwettrennen warten, ein unerträglicher Anblick gewesen. Der Hund wäre schlimmer behandelt worden, als in einem Kegelspiel. So aber watschelte er gemütlich und ungestört hinüber und herüber, und die Sonne blinkte auf seinem sauberen schwarzen Fell.
Die Sonne goß Trägheit über Menschen und Dinge. Es war die holde Trägheit, die im Mai manchmal über die Erde kommt. Eine Erschöpfung, nicht von schwerer Arbeit, sondern vom Schwärmen und Blühen und Lieben.
So saßen und standen sie in der Nachmittagssonne herum, umgossen von sotaner holden Trägheit und warteten auf den Ersten. Kein lautes Gespräch, keine Lazzi, die bei solchen Gelegenheiten die Luft zu durchkrauzen pflegen. Zuweilen geriet ein Polizeisoldat in eifrige Bewegung und stürzte auf ein heranschnarchendes Automobil zu, das er in eine Nebenstraße ablenkte, damit die Bahn für die Rennfahrer freiblieb.
Der Erste kam fünf Viertelstunden später, als er erwartet worden war. Ich fand die Verspätung natürlich. Das Warten ist gar nicht schlimm, wenn man dabei keine kalten Füße bekommt. Ich glaube, an jenem Nachmittag hatte niemand kalte Füße.
Er kam also um die Ecke geslitzt, von einer Wolke andrer Fahrer in Zivil begleitet. Eins, zwei, drei - schon ist er vorüber. Was habe ich von ihm gesehen? Nichts als zwei Reihen blanker Zähne. Mir denen schien er grimmig in den Raum zu beißen. Und das runde Dutzend von Begleitern um ihn herum, die sich in seinem Ruhm sonnten, waren wie der Hof um den Mond, wie das Fleisch um den Kern, wie die Schmarotzer um den König. Jeder sollte denken: die können es grade so gut, wenn sie nur wollen! Und der arme Vermandel dachte: Wäret Ihr doch lieber zuhaus geblieben und hättet mich allein dem Zielband entgegen fahren lassen! Ihr nehmt mir die frische Luft. Ihr nehmt meinem Triumpf den Glanz des Einzigeinen. Ihr tunkt Eure Löffel in meine Suppe und Ihr haucht mir lauwarm in’s Gesicht! Ihr meint es gut, ich weiß. Der Teufel hole alle diese sogenannten „Leutediesgutmeinen“.
Die Kindeskinder Vermandels werden über 150 Jahre noch das Bild bewahren, auf dem ihr Vorfahre mit dem französischen Gesandten abkonterfeit ist. Und wenn er auch niemals wieder der Erste würde, er war es einmal. Einmal war er, was kein andrer neben ihm sein konnte. Einmal war er der Stein auf der Spitze der Pyramide, einmal ein Einziger. Ist das nicht unser allertiefster Trieb: der Einzige zu sein?
„Wo ist Mottiat? Mottiat hat noch nicht unterschrieben! Mottiat! Mottiaat!“
«Laissez-moi causer!» sagte der große Favorit des Rennens ruhig zu den Kommissaren, die ihn zum Unterzeichnen der Kontrolliste drängten.
Er hat es, wie es scheint, nur dann eilig, wenn er im Sattel sitzt. Und Mittwoch hatte er es da nicht einmal eilig. Er erzählte, mit sichtbarem Genuß an seiner Rede: Wie es so heiß war, wie keiner führen wollte, wie der Direktor der Dernière Heure ihnen sarkastisch zugerufen hatte, sie sollten sich nicht umbringen und wie er. Mottiat, den andern darauf eine Zeit lang ein kleines Pace von 32 bis 35 Kilometer vorgelegt hatte, um dem Herrn Direktor einen Spaß zu machen.
Mottiat, viens signer!
Laisse-moi causer, Godf ...!
Und einer nach dem andern kommen sie über das rote Bändchen, jedes Härchen an den nackten Beinen @
Sie haben sich du@, laisonnenträgheit gebohrt. Die Zuschauer sehen sie kommen und gehen und sind zu träg, über ihre Energie und ihren Mut und ihre Stärke in Bewunderung zu geraten.
Trotzdem bleibt das Rodrennen schließlich der interessanteste Sportkampf, und die Dernière Heure verdient unsern aufrichtigen Dank dafür, daß sie uns in die Rennstrecke einbezogen hat.