Original

29. Mai 1920

Im Verlag Worré-Mertens gibt die Nationalunion die gesammelten Werke von C. M. Spoo heraus.

Papa Spoo war im ganzen Land als Abgeordneter für Esch, päter als eifriger Rodange-Apostel bekannt, da er von Ort zu Ort ging und Stücke aus dem Renert vortrug.

Die Wenigsten wußten, daß er sich auch als Luxemburger Nationalschriftsteller in Prosa und Versen betätigt hatte und daß man von gesammelten Werken von ihm reden könnte.

Die Herausgeber haben eine stattliche Broschüre zusammengebracht, in der den weitaus größten Raum Spoo’s Prosa-Erzählung Sœur Marie du Bon Pasteur einnimmt.

Man kann von dieser ersten Prosa-Erzählung, die in luxemburger Mundart erschienen ist, nicht genug des Guten sagen.

Die Werke der luxemburger Mundart-Dichter leiden unter der schweren Lesbarkeit des Idioms. (Rebenbei gesagt wird das niemals besser werden, solang nicht eine einheitliche Schreibweise eingeführt ist. Leider haben die Herausgeber der gesammelten Werke Spoo’s eine Orthographie angewandt, die das seit René Engelmann mühsam Errungene wieder leichtsinnig preisgibt.) Man muß deshalb jedes luxemburger Schriftwerk, das wirklich dem Volk etwas zu sagen hat und es in lesenswerter Sprache sagt, durch unablässige Anpreisung der Leserwelt gradezu aufdrängen. Ich fürchte, daß nicht zwei, vielleicht nicht ein Prozent aller Luxemburger von der Erzählung Sœur Marie du Bon Pasteur gehört, geschweige denn sie gelesen haben. Sie ist für unser Land ein ungehobener Schatz, ein Schatz, der es verdient, zum Gemeingut des ganzen Volkes zu werden, wie der Renert.

Es ist erstaunlich, wie Spoo instinktiv in dieser Geschichte den klassischen Erzählerton trifft. Das Ganze schwingt vor Lust am Fabulieren und Dramatisieren, ist durchdrungen von einer nie versagenden epischen Kraft. Die Sprache ist kernig, abwechselnd voll Schlichtheit und voll Pathos, stellenweise auch mit Germanismen durchsetzt, die Spoo wahrscheinlich nicht als solche empfand, weil sie in sein heimisches Sprachgut zur Kinderzeit über die Sauer herüber eingedrungen waren. Duchscher, der andre Echternacher Volksdichter, weist in seinem Styl dieselbe Eigentümlichkeit auf. Die beiden haben übrigens noch andere, wesentlichere Eigenschaften gemein, zumal das durchaus Ursprüngliche, Unmittelbare, Unangekränkelte ihrer Schriftstellerpsyche. Sie waren auf’s Schreiben verfallen, nicht, weil Buchreminiszenzen in ihnen klangen, sondern weil ihnen das Leben mit allerlei Erzählenswertem in den Ohren lag. Sie waren beide richtige Hans Sachs-Naturen im besten Sinn, aus vollem Herzen heraus mitteilsam und zugleich tüchtige Greifer in die Wirklichkeiten des Lebens.

Wie Spoo aus dem einfachen Leben seiner Schwester. die als Ordensfrau gewirkt hatte, eine kunstvoll aufgebaute Erzählung mit allen Schikanen des geriebenen Handwerkers macht, tut einem manchmal so wohl, daß man vergnügt auflacht, wie der alte Herr so elegant den Dreh kriegt und seine Leser in Spannung hält. Das ist wackere, gute Volkskunst im selben Sinn, wie die Kunst des alten Volksliedes. Und man fragt sich verblüfft, wie dieser bewegliche, phantastebegabte Geist, der an Verwicklungen und Überruschungen eine so sichtbare Freude hatte, nicht dazu gelangt ist, ein einziges Volkstück für die Bühne zu schaffen, wo doch der fidus Achates seiner Jugendjahre, sein Echternacher Landsmann Aendre’ Duchscher bei weit mehr lyrischer und kontemplativer Veranlagung Theaterstück auf Theaterstück schrieb.

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    Katalognummer BW-AK-008-1679