Original

30. Mai 1920

Jetzt ist die Zeit, eine Hymne an das Wasser zu dichten.

Nicht an das Wasser als Getränk, obgleich es auch als solches nicht zu verachten ist. Aber man braucht nicht grade zu den Leuten zu gehören, die erschrecken, wenn sie beim Mundspülen einmal versehentlich einen Tropfen Wasser hinunterschlucken, um der Ansicht zu huldigen, daß andere gottgewollte Getränke manchmal dem Wasser vorzuziehen seien.

Doch davon soll, wie gesagt, heute die Rede nicht gehen.

Reden wir vom Wasser als dem Element, dem Fließenden, alles Durchdringenden, alles Umfassenden.

Dem Greifbaren und Unfaßbaren, dem Unstandhaften und Mächtigen, dem Linden und Gewaltigen.

Dem Wasser, in das wir unsere Glieder wohlig hineinbetten, das uns trägt und doch jedem Druck nachgibt, das uns Pfühl und Straße in Einem ist.

Es steht zwischen dem Äther und dem Festen als ein Begnadetes, das in seinen Veränderungen den ganzen Weg durchschreitet, vom Nebelschwaden, dem windgetragenen, sonndurchleuchteten, geisterhaft wallenden, zur Eisscholle, in der grüne Lichter gefangen sind, die über die gurgelnde Flut als freundliche Brücke sich legt und Wege schafft, wo sonst Jahrtausende alte Trennung war. In Dampf gelöst, zu weißen Wolken verklärt, zu Regen verdichtet, in Millionen dunkeler Kanälchen den Schoß der Erde durchsickernd, zum Bach, zum Strom, zum Meer gesammelt - so zieht das Wasser seinen ewigen Kreislauf und lacht der Felsen, der Berge, der Bäume, der Häuser und Äcker, die erdgebannt an ihrer Stelle festliegen. Und lacht des Menschen, der ihm, dem Wasser, vor Millionen Jahren entwachsen ist und keine größere Sehnsucht kennt als die nach dem Element, das seinen Urbestandteil bildet.

Und meint Ihr, die Felsen und die Äcker und Gärten und Wälder hätten keine Sehnsucht, die zurückweist nach der Welt, in der alles Wasser war?

Ich sah einen Felssturz. Es war wie ein Wasserfall. Die Steine brüllten vor Genuß, endlich hinfließen, hinströmen zu können, Sekunden lang dem strömenden Wasser zu gleichen.

Ich sah Getreidefelder im Wind wogen, und sie waren stolz, dem wogenden See zu gleichen, über den der Wind eine Welle der andern nachjagt.

Ich sah eine blühende Goldregenstaude. Die gelben Dolden hingen wie erstarrter Tropfenfall und legten eine seltsame Koketterie hinein, den fallenden Tropfen zu gleichen.

Und Du! Möchtest Du Dich nicht als Welle in den Strom fügen, zum Meer fließen, in Nebelballen sonnwärts steigen, als weiße Wolke über Land ziehen und Dich als nasser Segen über die durstigen Felder ergießen und immer wieder von vorne anfangen?

Nein, ich kenne Dich! Du gehst lieber auf fester Straße Deinen Weg und sitzest Deine Stunden der Arbeit ab und plagst Dir den Kopf damit, wie Du Deine Mitmenschen ärgern und ihnen beibringen sollst, was Du für ein feiner Kerl bist, und klopfest Deinen Skat und haust Deinen Buben durch.

Also wohl bekomm’s!

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1680