Original

1. Juni 1920

Was ich von der öffentlichen Meinung halte, fragten Sie, Gnädigste?

Meinen Sie die öffentliche Meinung, die öffentlich, aber keine Meinung ist, oder die, die eine Meinung ist, aber nicht öffentlich?

Denn es gibt eine öffentliche Meinung, die nicht öffentlich ist, weil niemand der Katze die Schelle anhängen will.

Im allgemeinen, will ich Ihnen verraten, soll man die Bedeutung der öffentlichen Meinung nicht überschätzen. Wer ist ihr Träger? Das Volk, oder vielmehr das Publikum. Das Publikum ist das Volk, wenn es eine öffentliche Meinung hat. Es besteht aus Individuen. Addieren Sie die Meinung von hunderttausend Dummköpfen, so wird daraus immer noch nichts Gescheites - schematisch genommen. In Wirklichkeit aber wird durch diese Addtion das Wesen des Aggregates gegen das des Einzelbestandteils verändert. Die Einzelmeinungen durchdringen, korrigieren, vereinheitlichen, versteifen sich gegenseitig und werden zu jener Gewalt, die man die öffentliche Meinung nennt.

Sie weht, wie der Wind und ist stark, wie er. Sie kann Bäume entwurzeln und Schiffe treiben. Aber sie ist nur stark gegen große Flächen, große Widerstände. Du kannst mit einem Fausthieb durch den ärgsten Sturm hauen, Du kannst als Einzelner der öffentlichen Meinung lachend Trotz bieten. Aber mit einer Massenangelegenheit gegen die öffentliche Meinung angehen, ist so unmöglich, wie ein Segel gegen den Wind treiben.

Ibsen sagt im „Volksfeind“: Am stärksten ist der Mann, der allein stehr. Das ist ein stolzes Wort, und es gilt besonders für den Mann, der gegen die öffentliche Meinung steht.

Aber es gibt ein Lavieren und es gibt eine Kunst des Segelns gegen die öffentliche Meinung genau wie in der Schiffahrt.

„Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wind!“

Die öffentliche Meinung braucht durchaus nicht immer recht zu haben. Es kommt darauf an, durch wen sie beeinflußt ist. Sie verbreitet sich manchmal von einem Winkel aus, in dem die Lüge hockt, manchmal von Gipfeln her, auf denen die Wahrheit scheint.

In Tatsächlichkeiten trifft sie in der Regel das Richtige. Wenn die öffentliche Meinung dahin geht, daß z. B. die Post oder das Telephon oder die Eisenbahn miserabel funktionieren, so darf man Gift darauf nehmen, daß sie recht hat. Wo sie sich aber auf die Psychologie oder auf feinmechanische Wertungen geistiger Art verlegt, da haut sie oft daneben. Wenn sie die Stellung eines Mannes zu einer bestimmten Frage von Weltanschauung, seine Sympathien für diese oder jene Richtung, gar seine innersten Überzeugungen, sein Talent, oder seine Schuld oder Unschuld zu taxieren sich anmaßt, da verfährt sie im besten Fall simplistisch und schablonenhaft.

Die öffentliche Meinung, die zu einem Durchschnitt aller Privatmeinungen eingekocht ist, hat alle Fähigkeit zum Nüancieren verloren. Sie denkt und urteilt grobschlächtig, viereckig, in großstufigen Skalen, kennt keine halben Töne und keine dynamischen Unterschiede, spielt immer fortissimo, wie ein Drehklavier.

Die öffentliche Meinung ist ein notwendiges Übel. Ohne sie wäre die Politik so unmöglich, wie die Segelschiffahrt ohne Wind.

Die Genies in der Politik waren allzeit die, die mit Dampf gegen den Wind zu fahren wußten.

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    Katalognummer BW-AK-008-1681