In der Eröffnungssitzung des neuen Gemeinderates von Großluxemburg, der nur vier Mitglieder weniger zählte, als die Abgeordnetenkammer, stellte Herr Köhner den Antrag, daß nicht auf französisch, sondern auf luxomburgisch verhandelt würde.
So auf den ersten Ariblick scheint es selbstverständlich, daß wir unter uns unsre Muttersprache reden.
Aber leider ist unsre Muttersprache nur ein Mutterplatt, im höheren Sinn so wenig noch eine Sprache, wie die Frucht eines Wildlings ein Edelobst, wie die Hundsrose eine Marschall Niel oder La France ist.
Herr Kohner hat Recht. Wenn die Verhandlungen in einer Sprache geführt wenden sollen, die für ein Drittel der Anwesenden spanisch ist, bleibt dies Drittel lieber zuhaus.
Herr Housse hat auch Recht. Wenn die Vertretung der Landeshauptstadt seit undenklichen Zeiten bei ihren Verhandlungen sich des Französischen, also einer der höchst entwickelten Kultursprachen bedient hat, soll sie nicht darauf verzichten, um ein Platt einzuführen, mit allen Möglichkeiten der Verflachung und allen Unmöglichkeiten einer höheren Niveaugewinnung bei den Debatten.
Die Kenntnis des Französischen macht an und für sich einen Mann nicht gescheiter. Einer kann auf französisch den ärgsten Blödsinn und ein andrer auf luxemburgisch die klügsten Dinge sagen. Aber soviel ist sicher: In eine Versammlung, wie es die Vertretung der Landeshauptstadt ist, gehört eine höher entwickelte Sprache. In Köln reden die Stadtverordneten wahrscheinlich auch nicht, wie das Hänneschen und der Bestevadder, und in Paris nicht, wie die Apachenhäuptlinge.
Allerdings ist vom Kölner Platt und vom Pariser Argot bis zum Hochdeutschen und Französischen kein so weiter Weg, wie vom Kuhberger Platt bis zur Sprache Bossuet’s oder gar des Mannes aus dem elsenbeinernen Turm. Aber wir haben doch Französisch in den Schulen gelernt, und die alten Römer sagten schon, daß man nicht für die Schule, sondern für’s Leben, also auch für den Gemeinderat lernen soll.
Rund sieben Jahre muß sich jeder normale Luxemburger mit dem französischen Unterricht plagen. Aber solange das eben eine Plage ist, folange ist es Kraftvergeudung und solange kommt nichts dabei heraus. Wie heute der französische Unterricht in den Volksschulen gegeben wird, ist er ein Verbrechen an Lehrer und Schülern. Ist es nicht skandalös, daß von dieser siebenjährigen Schinderei später nichts, rein gar nichts für die meisten übrig bleibt! Fünf Jahre, nachdem einer die Schule verlassen hat, kann er keinen französischen Brief mehr lesen, geschweige denn schreiben. Diese sieben Jahre sind dem Lehrer wie dem Schüler einfach gestohlen. Und der alte Neumanns Jang, der uns die französische Grammatik im Athenäum einpaukte, behält Recht: Wenn Ihr das bischen luxemburger Platt nicht könntet, müßtet Ihr bellen!
Der Fehler liegt unten, an der Basis des Primärunterrichts, in der Normalschule. Zum 37ten Male wird das hiermit hier festgestellt.
Heute ware der Augenblick, eine radikale Besserung durchzuführen. Heute geht der Zug nach Frankreich und dem Französischen. Heute wären auch die Normalschüler, die künftigen Lehrer unsrer Kinder, mit Begeisterung dabei, wenn ihnen die Möglichkeit geboten würde, ihr Französisch an der Quelle zu schöpfen. Warum gibt man ihnen nicht einen skocksranzösischen Lehrer, der auf sie abfärben müßte, bei dem sie allmählich soviel Freude am Französischen bekämen, wie sie heute Angst davor haben? Es handelt sich um eine Durchgangsperiode von zwei, drei Jahren, und wir hätten es erreicht, daß jeder luxemburger Volkslehrer wirklich französisch sprechen könnte und daß jeder seiner Schüler, wenn er die Fortbildungsschule hinter sich hätte, französisch verstande und sich auf französisch verständlich zu machen wüßte.
Daß diese Reform jetzt bis zum Überdruß in der „Luxemburger Zeitung“ gepredigt wird, ist kein Grund, daran mit verstopften Ohren beharrlich vorbeizugehen.