Original

10. Juni 1920

Als die Ulmen straßauf straßab ihr erstes Grün heraussteckten, blieben an ein paar Bäumen die Äste kahl. Sie verunzierten den Frühling. Sie waren Gäste, die kein hochzeitliches Kleid anhatten. Da wurden sie hinausgeworfen.

Die Bauverwaltung schickte Männer mit Äxten und Sägen, und als ich Mittags vorbeiging, lagen die faulen Nachzügler am Boden, teils schon der kahlen Äste beraubt, die zu Faschinen aufgebunden wurden. Die „Drummsäge“ fuhr ritsch ratsch durch die Stämme hin und her und zerlegte sie in handliche Stücke. Und als ich wieder einmal vorbeiging, war alles sauber abgefahren und nur noch ein Häuschen Späne und ein paar Häufchen Sägemehl bezeichneten die Hinrichtungsstätte.

Nur ein Stamm, der schönste, war längelang vor unserm Gartentor liegen geblieben. Ich versuchte, die Jahresringe zu zählen, gab es aber auf, weil mich über dem Zählen andre Gedanken beschäftigten. Ich bewunderte das warme Rotbraun der Schnittfläche und malte mir aus, was man aus solchem Holz für schöne Biedermeiermöbel machen könnte, zum Beispiel eine Kommode, wie sie auf allen Interieurbildern zu sehen ist mit einer jungen Dame, deren Kleid zu den Vorhängen, zu den Blumen und dem Holz der Kommode anheimelnd abgestimmt ist.

Andern Tags lag der Stamm noch da. Es sind heute ein paar Monate her, und der Stamm liegt immer noch da. Er wird voraussichtlich liegen blieben, bis einer darüber den Hals gebrochen hat. Manchmal des Rachts höre ich draußen Flüche und Verwünschungen, dann hat sich jemand in der Dunkelheit an den toten Stamm gestoßen.

So tot ist er übrigens gar nicht. Gestern sah ich am untern Ende, wo er sich zum Wurzelstock zu verdicken anfängt, daß ihm ein paar fingerlange Zweigrein entgrünt waren, und wahrscheinlich haben sich darunter auch ein paar Würzelchen den Weg ins mütterliche Erdreich gesucht.

Es ist, als wollte der gefällte Stamm dagegen protestieren, daß man ihm die Schuld an der Faulheit der übrigen Familie beimessen könnte. Wie ein braver Hausvater, der unverdrossen seinen Verdienst daheim abliesert und zusehen muß, wie seine Kinder auf der faulen Haut liegen. Darum treibt er noch im Absterben aus seinem zu Ende gehenden Saft das Grün, das seine Äste droben nicht mehr hatten treiben wollen. Er ist im Tode sleißiger fast, als nebenan die Akazien, denen sie im Februar die Kronen abgehauen haben, damit sie üppiger austreiben, und die sich dazu immer noch nicht anschicken wollen.

Wir haben also jetzt zwei horizontale Sehenswürdigkeiten in den westlichen Stadtteilen: An der Montereyavenue den langen Stein aus dem Ernzer Steinbruch, den schon viele für das Grabdenkmal eines alten Ritters namens Pierre de la Carrière d’Ernzen halten, und den mehrerwähnten Ulmenstamm.

Obschon es in unsrer Nachbarschaft nicht an Büb- lein fehlt, die jede Spielgelegenheit ersehen, so ist es noch keinem - und das nimmt mich Wunder - eingefallen, auf dem Stamm zu reiten. Baumstämme waren die Wonne unsrer Kindheit. Ein Baumstamm heißt in meiner Heimat „Kill“, d. i. Kiel, was also darauf hindeuten könnte, daß dort herum in alten Zeiten Schiffbau getrieben wurde. Ein Kill war uns alles, Sofa, Roß, Turngerät, Sitz- und Reitgelegenheit. Er war der freundliche, kinderliebe alte Herr, dem man auf dem Buckel herumkraxeln durfte, dem man die Sporen und die Peitsche gab, der uns flugs in ein Märchenland trug, auf dem man immer über das Gemeine der Straße erhoben war.

So ist es noch heute. Noch heute weiß man in einem gewissen Umkreis, wo der bequemste Kill liegt, grade wie man weiß, wo es den besten Grächen gibt oder welcher Wirt die beste Kegelbahn hat.

Der Kill ist in den Arbeitspausen und nach Feierabend der Sitz des Dorfparlaments, wenigstens einer Sektion. Nirgends schmeckt die Pfeife so gut, nirgends überkommt dich so selig das Gefühl der getanen Arbeit, nirgends läßt sich so angeregt plaudern, nirgends sind dir die Dinge der Politik und der Wirtschast so klar, wie auf dem Kill beim Misch oder beim Mett oder beim Jampier. Da vollzieht sich zum größten Teil das Phänomen der gegenseitigen Erziehung der Dorfbewohner, dort sucht jeder die Stelle, an der er sich einzufügen hat. Es gibt historische Kille, wie es historische Häuser gibt.

Ich hätte nichts dagegen, daß die Bauverwaltung den Kill vor unserm Gartentor liegen ließe. Vielleicht würde er auch historisch.

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    Katalognummer BW-AK-008-1689