Original

11. Juni 1920

Ich hatte eine Zeit in meinem Leben, wo mein glühendster Wunsch dahin ging, Rollefax zu werden.

Später suchte sich mein Ehrgeiz andere, noch höhere Ziele. In parabolischem Bogen bewegte er sich aufwärts, den Sternen zu, und langsam wieder erdwärts.

Gestern ertappte ich mich auf dem Wunsch, zu einer Dampfwalzenmannschaft des Unternehmers KarpKneip zu gehören.

Die Dampfwalze arbeitete grade an meinem Nachhauseweg. Es war gegen Mittag, als ich vorbeiging. Aus dem ersten Wohnwagen kam ein anheimelnder Duft von geschmolzener Butter. Als ob Pfannekuchen drin gebacken würden. Ich sah durch die offene Tür einen Mann mit einer Küchenschürze u. aufgekrempten Hemdärmeln um den sauberen Herd hantieren, weißes und blaues Geschüssel stand auf Bänken und auf dem Tisch, aus einem Körbchen quoll es grün von frischen Salatblättern - die Uhr ging auf Mittag und alle, die draußen Schaufel und Spitzhacke und sonstiges Arbeitsgerät handhabten, warteten darauf, daß von den Kirchtürmen die Mittagspause eingeläutet würde. Kein Wunder, daß da der Appetit in der Luft liegt. Ich hätte den Dampfwalz-Leuten gern bezahlt, was sie verlangt hätten, um mich mit ihnen in ihrem Wohnwagen an den Tisch setzen zu können.

Sie haben das ideale Leben der Schnecke, die ihr Haus bei sich trägt und in beschaulichem Tempo über Land kriecht. Wo sie sind, sind sie daheim. Traulichkeit kapselt sie ein. Sie wissen nichts von Wohnungsnot und Dienstbotenelend. Sie haben alles so nahe bei einander, daß sie sozusagen vom Lehnstuhl aus ihren Haushalt besorgen können. Jeder Tag ist ihnen, wie ein Picknick. So kommen sie durchs ganze Land und genießen überall die Vorteile der Gegend. Bald wer- den sie die Kirschen am Straßenrand frisch vom Baum essen, oder sich ein paar Forellen aus dem nahen Bach fangen, oder mit den schönsten Mädchen aus dem Dorf schäkern, und weiterfahren.

Die haben’s also noch besser, als der Rollefax.

Für die Dampfwalze an und für sich habe ich schon lang eine gewisse Hochachtung. Ich sah einmal in einer Gartenwirtschaft eine korpulente Frau, deren Schwiegersohn ihr heimlich einen Zettel angehängt hatte mit den Worten: „Achtung Dampfwalze!“ Der Witz war nicht sehr geschmackvoll, und die Frau revanchierte sich, indem sie ihrem Knoten von Eidam den Hut mit einem wohlgezielten Schlag ihres Regenschirms eintrieb.

Das war in der Hasenheide bei Berlin vor vielen Jahren. Und seither ist mir die Dampfwalze merkwürdig geblieben. Jedesmal, wenn ich eine am Wege arbeiten sehe, bleibe ich stehen und versenke mich in ihren Anblick. Das geschäftige Hin und Her des Kolbens steht in seltsamem Gegensatz zu der langsamen Fortbewegung des Kolosses. Dort ein nervöses, aufgeregtes, wichtigtuerisches Gezippel und Gezappel, hier ein breitbehäbiges: Immer langsam voran!

Sie ist das handgreifliche Symbol des unerbittlichen Geschicks, das sich über die Menschheit breitet und alles in Grund und Voden walzt. Seht, wie unter ihren breiten Radbändern die Steine erst knirschen, tun, als wollten sie sich empören, aufbäumen, wie Wasser vor einem Schiffskiel. Und dann ducken sie sich unter die eiserne Last, kehren sich die Seiten zu, mit denen sie sich am besten gegenseitig vertragen, fuchen rasch, wo sie mit ihren Kanten und Spitzen am unauffälligsten bleiben können und sind auf einmal zusammengefügt wie eine gußeiserne Masse.

Verfährt das Geschick nicht einigermaßen ebenso mit den Menschen? Solange sie nichts über sich spüren, sind sie mit allen Kanten und Spitzen ihres Eigendünkels, ihres Trotzes, ihrer Eigenliebe, ihrer Eingebildetheit oben hinaus und rundherum und wollen keiner dem andern eine Konzession machen. Bis die Dampfwalze des Geschicks kommt und sie zusammenpreßt.

Mit der Zeit lockert sich der Verbund, dann kommt die Dampfwalze mit dem Chausseepflug, reißt die Decke des Belags wieder zu einzelnen Steinen auseinander und walzt sie zu einer neuen Chaussee ein.

So das Geschick, wenn die Zeiten holperig werden, wie sie im Sommer 1914 wieder einmal geworden waren und wie sie heute noch immer zu sein scheinen. Die Dampfwalze des Kriegs ging über Europa. Und Ihr wißt wenn in einemmal die Chaussee nicht glatt geworden ist, fährt die Dampfwalze ein zweites Mal darüber.

Ist sie hier fertig, sindet sie anderweitig Verwendung.

Die aber, die sie führen und bedienen, sitzen in bequemen Wohnwagen und möchten um alles in der Welt nicht, daß die Dampfwalze zum alten Eisen geworfen würde.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1690