Original

13. Juni 1920

Es liegt mir, für Bestgehaßte und Vielgeschimpfte Partei zu ergreifen. Die Majoritäten haben immer Unrecht.

Einer, über den seit Monaten ohne Unterbrechung geschimpft wird, im Privatgespräch, in der Presse, im Parlament, von groß und klein, hoch und nieder, arm und reich, Mann und Weib, Kind und Greis, das ist der Staub.

Ich habe mich selbst manchmal beteiligt, aber nachgerade habe ich Gewissensbisse bekommen.

Reden wir einmal vom Staub, ohne zu schimpfen.

Memento quia pulvis es et in pulverem reverteris! Vergiß nicht, daß du Staub bist und wieder zu Staub werden mußt.

Staub ist der Rohstoff, aus dem alles Feste gemacht ist und in den alles sich wieder auflöst. Er ist das Dauernde, wir sind nur das Durchgangsstadium. Er ist das Sinnbild der Demokratie, weil in ihm alles gleichgemacht, auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, zum Fraternisieren gezwungen ist. Der Bazill und das Radiumpartikelchen, der Goldstaub und der Staub von Pferdemist, alle gelten gleich.

Der Staub ist dem Wasser, dem ewig Lastenden und ewig Fließenden am nächsten. Er dringt durch die feinsten Ritzen, wie das Wasser, und läßt sich vom Wind hochwirbeln und zu Paaren treiben, wie Regenschauer. Er ist das Kleid des Windes, sein Mantel, seine Fahne, sein Spielzeug. Er zieht vor ihm her über die Straßen wie ein Schiffsbug, wie Schlittenkufen, er steigt mit ihm wirbelnd empor, wie eine Trombe, er gleitet hinter saufenden Automobilen über die Straßen, wie eine graue Raupe mit spitzem Kopf und breitem Schweif. Und so wie ihn der Wind nicht mehr trägt, senkt er sich langsam nieder und liegt über den Dingen, anschmiegend, wie eine galvanoplastische Schicht.

Er legt sich in verlassenen Häusern auf Möbel und Teppiche, Bilder und Bücher. Er ist ein wachsamer Hüter, der es gleich verrät, wenn ein unbefugter Fuß in ein verschlossenes Heiligtum dringt, eine unbefugte Hand auch nur mit einem Finger um Haaresbreite ein Buch, ein Bild, eine Vase streift.

Ihr haltet Euch die Nasen zu und sagt: Pfut!

Wißt Ihr denn etwas von dem seltsamen Geruch des Staubes, der Erfrischung kündigt? Habt Ihr es nie erlebt, daß nach langer Dürre, wenn erste Regentropfen schwer, zu grauen Kugeln gerollt oder schnell aufgesogen, in den Staub fielen, ein leiser Staubgeruch aufstieg und sich mit den schwülen Sommergerüchen mischte? Wer hätte da Pfui gesagt, wenn er wußte, daß die nächsten Minuten nasse Erquickung bringen mußten? Wer draußen in unsern Dörfern groß geworden ist, denkt an den Staubgeruch, der an Festvorabenden unter dem Geriesel der Gießkannen aufstieg, wenn heißgesichtige Mädchen rasch noch die Straße zur Feier des Tages kehrten, und Staubgeruch weckt ihm immer solche Vorabendstimmung.

Und ist nicht der Staub, der weiße Märzstaub auf Wanderschuhen schon poetisch besungen worden?

Und hast Du nicht schon viertelstundenlang den Sonnenstäubchen zugesehen, die in einem goldnen Strahl auf und ab fliegen, von jedem Hauch bewegt, in allen Farben des Regenbogens glitzernd, sich haschend und fliehend, sanft getragen um einander spielend wie Forellen im stillen Wasser?

Jawohl, der Staub - - - Der Henker soll ihn holen! Aber er ist jemand, er will begriffen sein, mit dem Schimpfen allein ist es nicht getan.

Ich erwarte keinen Lohn. Ich weiß, daß er mich morgen bis in die Naslöcher hinein grau anpudern wird, wenn die Autos vorbeijagen. Aber man muß von einem die Wahrheit und alles Gute sagen, was er verdient, auch ohne auf Lohn zu spekulieren.

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    Katalognummer BW-AK-008-1692