Ich erzählte hier vor einigen Monaten, wie ein junger Mann, der sich in seinen Mußestunden leidenschaftlich mit drahtloser Telegraphie beschästigt, mir Gelegenheit gegeben hatte, an stenem Apparat Versuche mitanzuhören, die anscheinend irgendwo in England mit drahtloser Telephonie veranstaltet wurden. Man hörte deutlich Gespräche, Gesang und Musik.
Soeben schreibt mir ein Herr aus London:
„Mit Bezug auf Ihren Abreißkalender von neulich über drahtlose Telephonie gestatte ich mir, Ihnen beisolgend einen Artikel aus der heutigen Rummer der „Daily Mail“ zu übermitteln, damit Ihnen und Ihren Freunden das dartn angekündigte interessante Experiment nicht; entgeht.“
Hier der beigeschlossene Artikel der „Daily Mail“:
„Die „Daily Mail“ hat für die Primadonna Rellie Melba ein Konzert veranstaltet, in dem diese durch drahtlose Telephonie am Dienstag abend für die ganze Welt fingen wird.
Dies einzigartige Ereignis, bei dem zum ersten Mal die Stimme der berühmten „Australischen Nachtigall“ unbehindert hinaus in den Weltraum schallt, ist sgeziell genehmigt durch den Postmaster-General, der die genaue Kontrolle über alle drahtlosen Mitteilungen ausüßt. Die Stunde ist auf 7-8 Uhr abends festgesetzt.
Während dieser Zeit wird Frau Nellie Molba drei oder vier Stücke von der Station der Marconi Company in Chelmsford aus singen. Ihre Stimme wird in ein Mikrophon geleitet, ähnlich, wie wenn semand in den Schalltrichter eines Grammophons singt, und wird hörbar sein auf allen drahtlosen Empsangestationen in einem Radius von wenigstens 1000. Meilen von Chelmsford.
Die in Anwendung kommende Wellenlänge ist 2800 Meter, ähnlich wie bei der neulichen drahtlosen Übermittlung von Meldungen an die „Daily Mail“, und man erwartet, daß Frau Nellie Melbas Stimme in Madrid, Stockholm, Rom, Christiania, Warschau, Berlin, Paris und Irland aufgefangen wird.
Das Programm ist noch nicht festgefetzt, aber sie beabsichtigt, in drei Sprachen, englisch, französisch und italienisch zu singen.
„Für meine britischen Zuhörer möchte ich singen: Ilome, Sweet Home,“ sagte sie gestern. „Eiwas aus «La Bohème» wird wahrscheinlich meine italienische Nummer bilden, und «Nymphes et Zylvias» meine französische. Bei der letzten wird der Komponist Bemberg mich begleiten.“
Frau Nellie singt zu einem Stutzflügel und wird mit einem sehr laugen Triller beginnen.
Über das Konzert wird in den Spalten der Daily Mail durch deren Fornempfangsstation sberichtet werden.“
Wenn wir heute den ersten April schrieben, hätten meine Leser Recht, mißtrauisch zu sein. So aber wissen sie, daß ich niemand auf den Leim führen will. Wer eine Funkenstation besitzt, hat also heute abend zwischen 7 und 8 Uhr Gelegenheit, gratis ein Konzert zu hören, für das er sonst mindestens 20 Franken Entree bezahlen müßte. Amphitheater Stehplatz.
Frau Nellie Melba aber wird es seltsam anmuten, wenn, nachdem sie ihre ketzte Note hinausgeschmettert hat, das nach Tausenden und Abertausenden zählende Auditorium von Madrid bis Christiania und von Rom bis Warschau stumm bleibt und kein Beisallsgetöse sie umbrandet. Doch stolz wird sie sich sagen dürfen, daß ihre Stimme die erste war, deren Wellen über ganz Europa hingeschlagen und zur selben Sekunde eine über Tausende von Meilen zerstreute Gemeinde in Andacht vor einer Schönheitsessenbarung vereinigt hat.