An den Moselchronisten der Obermoselzeitung, Grevenmacher.
Lieber Kollege! Sie haben mir eine große Freude bereitet. Sie haben meinen Goethe-Brief von der Deysermühl für echt gehalten. Ein köstlicheres Kompliment konnten Sie mir nicht machen. Ich gestehe Ihnen dafür, daß in dem Brief tatsächlich 7 oder 8 Zeilen verstrent sind, die wortwörtlich von Goethe stammen und so stark auf den Rest ausstrahlen, daß es kein Wunder ist, wenn Sie ein Opfer der Täuschung geworden sind.
Jetzt müssen Sie mir gestatten, Ihren interessanten Kommentar zu meinem Brief hier abzudrucken, da ich ja doch zu dessen Schluß bemerkt hatte, es werde vielleicht eine Fortsetzung sich finden. Meine Leser werden Ihnen dafür Dank wissen.
„Zweiselt noch einer dran, daß das Anwesen mit den mannigfachen rot getünchten Gebänden und den Forellenbassins, die im Grün der Weinberge, in der Nähe des Sturzbaches und unter hohen Felswänden gelegen, kein anderes als das jetzige Weingut Deysermühl ist? Das Haus hat seine Geschichte. Und es macht einen gewissen Eindruck, wenn man hört oder liest, daß vor mehr als 125 Jahren auf der Mühle von einem freundlichen Gastherrn und einer anmutigen Frau frohe Feste gegeben, wozu bläulich blinkende Forellen aus den kühlen Weihern gesischt wurden. Der Kreislauf der Dinge! Heute liegt wieder alles in verjüngter Schönheit. Blendend weiß mit grünen Fensterläden, wie sich schon der arme Jean-Jacques Rousseau ein Landhaus gemalt hätte, Rosengärten, sprudelnde Wasser, und als ewig unveränderlicher Hintergrund, die Rebberge und der Moselstrom.
Zwischen diesen beiden Höhepunkten - heute und vor hundert und mehr Jahren -, liegt eine Zeit, wo das Leben mit der Freude und der Schönheit aus diesem eigenartigen Moselwinkel geflohen war. Tas stolze Schorensgut war im Laufe des Jahrhunderts durch allerhand Hände gegangen. Für uns Kinder war die Deysermühle etwas wie verwunschenes Zauberland. In all diesen Gebäuden, die damals noch, wie zu Goethes Zeit, in allerdings schmutzig roter Farbe standen, waren die Läden Jahr aus Jahr ein, fest geschlossen. Die Weiher waren zu gründlichen Sümpfen geworden, in denen, im besten Fall, statt Forellen, Frische vegetierten. An Sonntagen kraxelten die Grevenmacherer Bürger. mit Weid und Kind, an den Sümpfen und den roten Häusern vorbei, bis unter die Felsen. Dort, in den Tannen, war Ruhe- und Aussichtspunkt. In einer Felsnische hatten fromme Menschen eine Muttergottesstatue aufgestellt. Auch eine schattige Rotunde, aus rohem Holz gezimmert und mit Stroh gedeckt, stand auf der Höhe, wo der Blick in dunstige Fernen bis zu den Rauchschloten nach Wasserbillig reichte. Dort wur, wie eben gesagt, der übliche Ausflugsort von Grevenmacher, wo auch die Fremden hingeführt wurden, denen man die Mosel in ihrer ganzen Pracht zeigen wollte. Der Schatten des alten Lamperts Ditt, unsers hochrerehrlichen, langjährigen Stadtoberhauptes, wird mir hoffentlich nicht grollen, wenn hier daran erinnert wird, wie er einmal Freunde aus der Stadt, darunter eine sehr behäbige Dame, diese Bergpromenade hinanführte. Der Weg war jäh und steil, die Julisonne flimmerte weiß und glühend, die bergsteigende Gesellschaft schwitzte u. seufzte. Am meisten aber die eben erwähnte üppige und schwer bewegliche Dame. Dem Herrn Bürgermeister, der hinter ihr herschritt, kam ein rettender Gedanke, Als richtiger Gebirgsführer legte er seine beiden breiten Hände an ihrer Hinterfront an und drückte tapfer nach. Und als sie endlich oben keuchend anlangten, entfuhr Meister Ditt das noch heute, nach vierzig Jahren, Heiterkeit auslösende Wort: „Hupp la, Bä’izchen!“ Das war in der guten alten Zeit.“