Original

19. Juni 1920

Da meine Leser über das Weltkonzert Nellie Melba’s das A gehört haben, sollen sie auch das B hören.

Die „Daily Mail“ von Mittwoch enthält einen langen Bericht über das einzigartige Experiment, dazu eine Abbildung der Primadonna, wie sie grade vor dem Schalltrichter steht.

Der Spezialberichterstatter der D. M. meldet aus Chelmsford: Es war eine merkwürdige Szene. Draußen auf der Straße stand mäuschenstill die Menge, begierig, die große Sängerin zu hören. Die Ordnungspolizei war völlig überflüssig, und ebenso gespannt auf das, was drinnen vorging, wie jedermann.

Im Saal hatte sich eine Gesellschaft zusammengefunden, unter der Herr und Frau Godfrey Isaacs: Herr und Frau Georg Armstrong, Frau Nellie Melba’s Sohn und Schwiegertochter und Sir Campbell Stuart befanden sich unter der bevorzugten Zuhörerschaft. Ein Flügel stand dicht beim Sender, und an der Stelle, wo Frau Nellie Melba stand, war der Teppich aufgerollt, damit der Schall ihrer Stimme nicht beeinträchtigt würde.

Die Primadonna begann mit einem langen Triller „Mein Hallo an die Welt“ sagte sie. Dann folgten Lieder auf Englisch, Französisch, Italienisch, alle hinausschwellend in den Raum durch die geheimnisvolle elektrische Kraft, die diesen einzigartigen Versuch innerhalb 1000 Meilen Radius von Chelmsford hörbar machte.

„Home Sweet Home“, eines der alten englischen Lieder in Verbindung mit einer der neuesten Wissenschaften, kam zuerst, begleitet durch Herrn Frank St. Leger. „Nymphes et Sylvias“, ein französisches Lied, begleitet durch den Komponisten Hrn. Bemberg folgte, und dann „Addie“ aus „La Bohème“, auf italienisch. Aber das war nicht der Abschied. Frau Nellie Melba war so bezaubert von ihrem Experiment und von dem, was sie vorhin von den Apparaten gesehen hatte (die technischen Einzelheiten übergehe ich), daß sie aus freien Stücken einige Nummern zugab. „Chant Vénitien“ von Bemberg war die erste Zugabe, eine Wieberholung von „Nymphes et Sylvias“ die zweite. Auch dann noch konnte sie sich nicht entschließen, aufzuhören, so groß war ihre Begeisterung. Ich muß singen „God save the King“, rief sie, und wieder einmal erging an die Welt der Ruf. dazubleiben.“

Aus Paris wird der „Daily Mail“ gemeldet: „Wir hörten Nellie Melbas Stimme heute abend in Paris nicht nur durch gewöhnliche Telephon-Hörkapseln, sondern laut und klar über einen offenen Hof schallend. Die Französische Radio Electric Company, 79 Boulevard Haußmann, hatte einen AluminiumSchalltrichter an einem Verstärkungsapparat angebracht. Daraus kam die Stimme so frei und mit derselben Klangfarbe, wie aus einem Grammophon.

Zehn Personen waren um den Apparat versammelt. Das Experiment begann mit verblüffen der Klarheit. Der Schalltrichter war am Empfänger angebracht, und die ganze Zuhörerschaft befand sich im anstoßen- den Raum. Vertreter der Pathé-Film-Gesellschaft machten eine Kino-Aufnahme. Inzwischen hatten die Ingenieure der French Nadio Electric Company den Schall auch auf den Empfänger eines Grammophons geleitet, der die Stimme der Frau Melba auf seiner Wachsscheibe auffing. Bevor sie noch den ersten Teil ihres Vortrags beendet hatte, wurde er auch auf dem Grammophon wiederholt, sodaß man ihre Stimme von Essex herüber und deren Reproduktion im Grammophon zu gleicher Zeit hörte.“

Aus dem Haag wird gemeldet, daß die Stimme der Primadonna dort auf der Funkenstation der Holland’s News klar vernehmbar war.

Mit ganz außergewöhnlicher Deutlichkeit wurde sie auf der Empfangsstation der deutschen TelephonGesellschaft in Teltow bei Potsdam und auf der Funkenstation Eilvefe (?) bei Hannover gehört.

Die Empfangsstation des Londoner Blattes selbst beginnt ihren Bericht wie folgt:

„Einige Minuten nach sieben hörten gestern abend die Zuhörer am Empfänger der Funkenstation der „Daily Mail“ von Chelmsford den Anruf: „Hallo, hallo, hallo! Frau Nellie Melba, die Primadonna, wird gleich „zu Ihnen“ singen, erst Englisch, dann Italienisch, dann Französisch!“ Dann folgte eine Entschuldigung, weil die Marconi Company nichts für die atmosphärischen Störungen könne.

Dann wurde ein Akkord angeschlagen, und ein langer, silberner Triller flog in den Raum. Es war Melbas „Hallo!“ an die Welt.“

Ich merke, unser Berichterstatter hat den Konzertsaal am Dienstag abend zu früh verlassen, er ist um die ganzen Zugaben der Primadonna gekommen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1697