Die älteren unter uns erinnern sich noch der Kutsche, in der vor Jahren Bischof Adames auf Firmungsreisen fuhr. Ein altmodischer, schwerfälliger Landauer, den zwei Schecken über Land zogen. Es waren wahrscheinlich die einzigen Schecken im Land. Sie gehörten der frommen Familie Würth-Fendius aus dem Kölnischen Hof und sie liefen das ganze Jahr vor dem Hotel-Omnibus. Fuhr der Bischof zur Firmung, so standen ihm, einer gottesfürchtigen Ueberlieferung zufolge, die beiden Schecken zur Verfügung, und sie zogen in würdigem, mündelsicherem Tempo die Arche Noah über Land, in der der Bischof von Luxemburg und Halikarnaß mit seinem Sekretär das Brevier betete, zuweilen ein Nickerchen machte oder segnend die Hände zum Kutschenschlag herausstreckte.
Die weiß und braunen Schecken waren auf dem Land, wo nur die Kühe, Hunde und Katzen gefleckt zu sein pflegen, eine große Sehenswürdigkeit. Sie und der alte Firmungslandauer gehörten in das festliche Bild, wenn ein Dorf zur Feier des Sakraments seinen höchsten Schmuck anlegte, und vielen werden die bischöflichen Schecken ebenso lebhaft in der Erinnerung haften, wie der bischöfliche Backenstreich, der sie fürs Leben im Glauben bestärkt hat.
An dieses Biedermeiergefährt dachte ich, als kürzlich Herr Diderich von dem extravaganten Regierungsautomebilismus sprach, der ersparnishalber eingedämmt werden müsse.
Ich finde, wir sind nicht großzügig. Wir sollten uns freuen, wenn unsere Minister den Drang zeigen, zu reisen, denn reisen bildet; wenn sie das Bedürfnis empfinden, möglichst rasch von einem Ort zum andern zu kommn, denn nur so läßt sich die Riesenarbeit bewältigen, die auf sie von allen Seiten eindringt.
Wir können wirklich nicht verlangen, daß ein Minister auf eigene Kosten für seine Fortbewegung sorgt. Das war gut in der klassischen Periode unserer Politik, als die drei Olympier Eyschen Mongenast und Kirpach als ruhende Pole in der Erscheinungen Flucht den Staatsgedanken verkörperten. Da deckte der Herr Staatsminister seinen Bedarf an Fahrgelegenheit bei den bewährten alten Firmen Meyer und Knebgen und bezahlte am Ende des Jahres von seinem Gehalt die Rechnungen, über die seine Köchin und Herr Henrion mit schmerzlichem Ausdruck im Gesicht die Köpfe schüttelten. Die übrigen Minister fuhren überhaupt nicht, ihre Arbeit ließ sich sehr gut zu Fuß bewältigen. Jede Arbeit ist übrigens, was man daraus macht.
Die heutigen Minister machen aus ihrer Arbeit entschieden viel mehr. Das alte Wort „quieta non morere“ - wenn etwas still liegt, sollst du nicht daran rütteln - haben sie längst aus ihren Richtlinien gestrichen. Schnell und unmittelbar, heißt die Losung. Früher kam der Prophet Bauer zum Berg Regierung, jetzt fährt der Berg Regierung im Automobil zum Propheten Bauer. Früher erledigte man das meiste schriftlich - heute schwärmt man für ein mündliches Verfahren und verspricht sich goldene Berge von dem gewinnenden Eindruck, den man mit seiner Persönlichkeit auf die schwer beweglichen fremden Herrschaften macht.
Anstelle der Mietskutschen, in denen früher die Regierung langsam spießbürgerlich herumfuhr, haben wir ein Regierungsautomobil, und die Summe der geleisteten Arbeit wächst im Verhältnis zur Schnelligkeit, mit der sie erledigt wird.
Unser Regierungsautomobil hat schon seine Geschichte. In ihm war es - so schreiben die fremden Chronisten - daß die Großherzogin Marie-Adelheid auf der Schloßbrücke sich den hereinbrechenden deutschen Horden entgegenstemmte. In unserm Regierungsautomobil fuhren im November 1918, beim Waffenstillstand, vier tapfere Männer von hier ins Lager der Sieger, um zu hören, wie der Hase lief. Das Automobil brach unterwegs unter ihrer Last zusammen. In den Dörfern kennt man den Regierungschauffeur schon so gut, wie früher die zwei bischöflichen Schecken, und die Huppe und das Motorgeräusch des Staatsautos sind den Bauern so vertraut, daß sie, wenn sie nachts davon wach werden, zu ihrer Frau sagen: „Du, Märry, jetzt schellen die wieder den Bürgermeister - oder den Pastor heraus, weil sie noch Durst haben!“
Und die Märry sagt: „Was geht das dich an, bleib du ruhig liegen, wo du liegst!“