Bei einem Picknick war ein junger Bauersmann mein Nachbar. Als er das Brot sah, das ich aus der Papierhülle herauswickelte, muß er eine Anwandlung - war es Stolz, war es Mitleid, - gehabt haben: Er reichte mir sein Trumm herüber und sagte: „Ein Stück Bauernbrot?“
Ich schnitt mir über den ganzen Leib eine Scheibe herunter und legte zum Vergleich ein Stück von meinem darauf. Wir haben in der Stadt kein schlechtes Brot, aber auf der weißen Bauernkrume sah es direkt grau aus.
Die Freunde des jungen Mannes zeigten nun auch ihr Brot mit bescheidenem Stolze vor und boten von ihrer selbstgemachten Saucisse an. (Ich bringe es nicht über mich, unsre Bauernsaucisse mit dem Namen Wurst zu schänden.)
Mein Nachbar sagte: „Wir hatten den ganzen Krieg hindurch Weißbrot“. Etwa wie er gesagt hätte: „Wir haben im Krieg vor niemand den Nacken gebeugt.“
Gutes Brot essen ist für die da draußen eine Ehrensache. Das Brot ist der Wertmesser des Wohlergehens, und das Wohlergehen ist der Wertmesser der Kraft. Es kann einer durch Unglück in’s Hintertreffen kommen, aber dann ist es eben umso schlimmer für ihn, so subtile Unterschiede werden nicht gemacht. Von der Stunde an, wo der kleine Bauernsproß bei der Kuhhut oder beim Spielen auf der Straße sein Brot mit dem der Kameraden vergleicht, sängt er an, sich gesellschaftlich einzuordnen.
Das Brot ist draußen die Grundlage aller Güter, die zum Aufbau des Körpers, zur Erhaltung der Kraft dienen, die mächtigste Ader im Kreislauf, der über Stoff und Kraft durch die Äcker und die Leiber der Bauernart geht. Der Städter hat weniger Achtung vor dem Brot, weil seine Genüsse differenzierter sind, weil das Brot neben allem andern Eßbaren weit zurücksinkt und sozusagen nur in Verbindung mit dem Kaffee seine Bedeutung behält. Auch da wird ihm von dem allerhand Gebäck der Spezialisten eine scharfe Konkurrenz gemacht.
Seit es als vornehm gilt, beim Essen Gabel und Messer gleichzeitig zu gebrauchen und nicht mehr mit einem Stück Brot den Tellerinhalt auf die Gabel zu schieben, ist das Brotessen bei Tisch abgekommen. Nur in den Pausen zwischen den Gerichten pickt man an seinem Stück Brot und zerkaut ein Krümchen, wie um nicht aus der Übung zu kommnn. Und da die Franzosen von jeher starke Brotesser waren und es dem entsprechend nirgends so gutes Brot gibt, wie in Frankreich, dem Weizenparadies, so gilt einer, der bei Tisch kein Brot ißt, als Preuß. Welcher Vorstellung die Tatsache zuhilfe kommt, daß wir uns hier nie für das deutsche Brot begeistern konnten, am wenigsten, wenn es nach Berliner Art mit Kümmel bestreut war. Es stammt noch aus den Zeiten vor siebzig, daß hierzuland der Franzose immer mit Brot, der Preuß mit Kartoffeln in Zusammenhang gebracht wurde.
Dazumal und noch lange nachher sah unser luxemburger Bauernbrot bei weitem nicht so zivilisiert aus, wie heute. So ein Leib war flach, drei Finger hoch, die Krume war rauh und schlau und grau, ein vortreffliches Magenscheuermittel. Und doch, wir Kinder ließen das leckerste Weißbrot für eine Schnitte von Nachbars Bauernbrot stehen, denn es war etwas darin wie frischer Erdgeruch, und es schmeckte nach viel mehr, als das Brot aus feinstem Blumenmehl doppel Null. Das kam davon, daß „den Hunn dra gestrach woar“.
Damals ging es den Bauern kratzig. Heute „blasen sie eine Feder in die Lust“, wie man von dem Manne sagt, der nach keinem was zu fragen braucht. Ein Beweis dafür ist ihr schönes Weißbrot, und sie haben Recht, darauf stolz zu sein. Es ist besser für uns, der Bauer ist auf sein Weißbrot stolz, als daß er mit Bekanntschaften aus der Wallisstraße oder sonstwo aus dem Bahnhofviertel dicke tut. Und vor allen Dingen besser für ihn.