In der letzten Sitzung des Stadtrates von Großluxemburg fragte Herr Grosber, ob er sich seine Briefe nach wie vor nach Hamm adressieren lassen soll, oder ob er jetzt postoffiziell nur noch in GroßLuxemburg wohnt.
Herr Bürgermeister Housse sagte, wir seien jetzt alle nur noch Großluremburger, und wenn wir auch vorläufig noch die alten Ortsnamen hinter Luxemburg einklammern, so werde es doch später soweit kommen, daß sie durch römische Ziffern ersetzt werden, die die Postbezirke bezeichnen, wie in Paris, London usw. Wogegen Herr Philippe protestierte und sagte, er ziehe die Ortsnamen vor.
Beide haben Recht. Die Verwaltung muß schematisieren, aber das Volk braucht für die Überlieferung, in der es lebt, Worte, die malen und kann sich nicht mit Ziffern abfinden. Hamm wird immer Hamm heißen, weil es auf einem Hamm liegt, und das Hämmersdälchen wird nie von jemand LuxemburgRömisch vier-dälchen genannt werden.
Hollerich wird von unsern Ururenkeln noch Hollerich genannt werden, wie schon von dem Chevalter de Faublas. Man wird noch immer die Geschichten von dem Hollericher Mättig erzählen und die Holleniher Kirmes feiern. Und Rellingergrund und Siebenbrunnen werden im Volksmund weiterleben, wenn die sieben Brunnen schon längst überwölbt und in irgend eine Wasserleitung eingeschlachtet sind und wenn Mietskasernen stehen, wo heute der Wind intime Wäschestücke bläht. In Paris sind die Namen Belleville und Montmartre unsterblich, wie in London andre Namen, die verraten, daß die von ihnen bezeichneten Stadtteile früher ländliche Idylle waren. In Berlin leben Rixdorf und Tempelhof fort, trotzdem die „vor den Toren“ verschwunden sind, trotzdem von Dorf und Hof keine Spur mehr vorhanden ist und himmelhohe Steinkasten auf den Ackerbreiten lasten, die früher Korn und Gerste teugen. Kein Luxemburger möchte auf die Namen Hellepull, Kriepsegärtchen, Sche’eschlach usw. verzichten, sie sind wie Haken, an die die Erinnerung anknüpft. Aber für viele sind es leider schon nur Namen ohne Begriff und ohne Erinnerung, Schall ohne Körper. Ich habe gesehen, daß man in Echternach sorgfältig die alten luxemburger Namen der Straßen und Plätze aufgegriffen und überall angeschrieben hat. Namen, wie die obigen, und viele andern müßten der Vergessenheit auf dieselbe Weise entrissen werden.
Die Eingemeindung hat unsre ruhige Stadt Luxemburg mit einemmal in die Reihe der Städte versetzt, die Verhaeren les villes tentaculaires nennt, weil sie ihre Fangarme um sich ausstrecken und alle Umgebung an sich ziehen.
Langsam, aber sicher, hat Luxemburg seine Fangarme schon seit Jahrzehnten nach Hollerich ausgestreckt. Wie mit einer Hummerscheere, einem breiten und einem schmalen Ende, hat es nach dem Dorf gegriffen, das früher ein rein bäuerliches Dasein führte und heute von der Stadt eingekreist ist. Dünn, wie ein Saugrüssel, streckt sich die Neumerler Straße nach Südwesten, den Straßener Berg hinauf keucht es auch schon von einzelnen Häusern, nach Eich hinunter sind Vorhuten vorgeschoben, die Verkehrsader der Elektrischen mischt das Blut von hüben und drüben - die Noubauten auf dem Plateau über Rollingergrund geben den Mittelpunkt für eine Ansiedlung, die das Tal drunten mit Limpertsberg und der Stadt in unmittelbare Verbindung bringt - an der Straße Gasperich Leudelingen Esch liegen unbegrenzte Ausdehnungsmöglichkeiten - die Großstadt Luxemburg wird über hundort Jahre von Steinsel bis in’s Minettebassin reichen!