Original

24. Juni 1920

Ich hatte immer eine große Vorliebe für Türme und habe es hier wiederholt ausgesprochen.

In meiner ausschweisenden Phantasie hatte ich sogar einmal den Plan gefaßt, selbst einen Turm zu bauen, hoch oben auf dem Rücken der Moselmeinberge, damit man von seiner Spitze weit in’s Land sähe, und weit über die Grenze. Aber erstens kam der Krieg und die Eindringlinge maßten sich an, allein auf die Türme klettern zu dürfen, was mir die Freude daran verdarb, und zweitens - doch das gehört nicht hieher.

Jetzt bringt mich ein Freund wieder auf das The- ma, indem er mir ein Bild des Aussichtsturmes schickt, den die Deutschen im Krieg bei Grevels dicht neben dem Tumulus, auf dem das Napoleonsbäumchen stand, errichtet haben. Dort ist bekanntlich der hochste Punkt des Landes - sagen sie - und man sieht durch ein gutes Glas die Schiefer auf der neuen Arloner Kirche blinken und sieht mit bloßem Auge die helle Wand der Rollinger Steinbrüche und im Südosten den Sinzer Wald der wie eine Zigarre auf der Wasserscheide zwischen Saar und Mosel liegt, und nach Norden die weißen Dörfer, die auch schon nicht mehr luxemburgisch sind.

Die Deutschen haben diesen Turm und andre derselben Art, die sie im Lande gebaut haben, zum Beispiel an der Echternacher Straße hinter dem Waldhof, natürlich an solchen Stellen errichtet, von denen man eine weite und lohnende Aussicht genießt. Jede Aussicht, die weit ist, ist auch lohnend, denn sie ermöglicht eine Besitzergreisung eines Stückes Welt durch das Ange. Eine Bereicherung, die nicht im Kataster, aber in der Seele des Beschauers dokumentiert wird.

Es ist heilsam und nötig, daß Aussichtstürme gebaut werden. Sie geben Bereicherung, und sie geben Befreiung. Es heißt immer: Seht Euch die Dinge vom Mars herunter an, um dazu das rechte Verhältnis zu gewinnen. So weit haben wir es noch nicht gebracht, aber es genügt manchmal schon, daß du von Turmeshöhe herunter die Dinge betrachtest, um sie zu sehen, wie sie sich zu einander und zu dir wirklich verhalten.

Wir hatten früher keine Aussichtstürme, weil die Regierung dazu kein Geld hatte und nicht wagte, es sich von der Kammer bewilligen zu lassen. Ein Aussichtsturm hat weder für den Ackerbau, noch für die Industrie, noch für irgend eine der zahlreichen Budgetrubriken den mindesten Zweck. Darum wurde bis jetzt keiner gebaut.

Aber jetzt haben wir sie im Land, und es würde - wenn es nicht schon zu spät ist, was ich nicht weiß - verhältnismäßig wenig kosten, sie wenigstens ein paar Jahrzehnte noch zu erhalten. Vielleicht, wenn sich die Luxemburger dann an den Zauber der Umschau gewöhnt hätten, käme es soweit, daß wir anstatt der Türme, die uns der Eindringling gebaut hat, aus eigenem Geld dauerhaftere Aussichtsgelegenheiten schüfen.

Dieses Turmproblem ist mir sogar einmal so bartnäckig nachgegangen, daß ich den Turmbau als Symbol freiheitlicher Volksforderungen gegen die Reaktion von oben verwertete. Und ich kam zu dem Schluß, daß am besten doch die dran sind, die keinen Turm brauchen, weil sie fliegen können. Der das sagte, war freilich ein armer Teufel, der ein ganzes Leben gebraucht hatte, um zu solcher Einsicht zu gelangen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1701