Original

25. Juni 1920

Dies schreibe ich am Tage Johanni, dem 24. Juni, drei Tage nach der Sommersonnenwende, an meinen Namenstag. Allen im Land - und sie sind Legion - die wie ich auf den Namen des Täufers hören, wünsche ich nachträglich Glück zum Fest.

Danken wir unsern Eltern und Paten, daß sie uns unter die Obhut eines solchen Schutzpatrons gestellt haben. Ich wenigstens wüßte im ganzen Kalender keinen Heiligen, nach dem ich so gern benannt wäre, wie Johannes der Täuser. Er ist, soviel ich weiß, auch der einzige, der in einer modernen Oper vorkommt. Das deutet schon darauf, daß er mit Weibern zu tun hatte. Sein Abenteuer mit der Salome ist auf dem Gebiet des passionellen Drama’s ein Typ: Das verschmähte Weibchen verkehrt seine Lust an Liebe in Blutgier und Haß und tötet, wo es nicht genießen durfte.

So ein Stückchen Altorient und heldenmütige Asketik und ewig Weibliches, wie es sich im Leben und Tod unseres Schutzpatrons zusammendrängt, gibt es in dieser Glut und Farbenpracht in der ganzen Heiligenlegende nicht wieder.

Das ist vielleicht vielen „Jangen“ und „Hennessen“ unheimlich, aber man ist doch stolz darauf, wenn man nach jemand getauft ist, dessen Leben wenigstens nicht banal war.

Auch abgesehen von seinem tragischen Ende war mir der heilige Johannes der Täufer immer eine Erscheinung voll von leidenschaftlicher Dramatik und zischendem Auftrieb. Der Geist der Kasteiung, der ihn in die Wüste trieb, wo er sich von Heuschrecken und wildem Honig nährte, war der Geist der unheimlichen, verzehrenden Kraft, die zurücktritt, um wuchtiger zum Sprung auszuholen, die sich für ein Großes, Gewaltiges heiligen und reinigen will. Und wie er dann den Saduzzäern und Pharisäern seinen heiligen Zorn um die Ohren schlägt mit Schlangenbrut und Strafgericht!

So vieles ist merkwürdig in seiner Geschichte, Wir lernten als Kinder, daß er predigte: „Wer zwei Röcke hat, gebe einen davon dem, der keinen hat. Desgleichen tue, wer Speise hat!“ Wie schade, daß unser Schutzpatron nicht im Krieg durch die Lande gehen und predigen, oder Minister, oder Direktor der Verteilungszentrale sein konnte! Und zu den Zöllnern sagte er: „Fordert nicht mehr, als Euch angesetzt ist!“ Und zu den Soldaten: „Verübt nicht Gewalttat und Unrecht, und seid zufrieden mit Eurer Löhnung!“

Ich merke, zur Zeit Johanni war die Welt nicht viel anders, als heute.

Er sah, wo es haperte, aber er wußte, daß er die Weit nicht würde erlösen können, und war aufrichtig und bescheiden genug, es zu sagen. Das macht ihm auch noch lange nicht jeder nach.

Nun haben wir auch noch das Glück, daß unser Namenstag in die schönste Sommerzeit fällt. «Quand nous chanterons le temps des cerises.» Und in die Tage der Rosen!

Da läßt sich ein Tag feiern und eine Nacht dazu, mit venetianischer Beleuchtung in den Bäumen und mit Mandolinen- und Lautenklang und Erdbeerbowlen. Anstatt wenn einer z. B. Cunibert heißt, oder Demetrius! oder Wenzeslaus! der fällt mit seinem Namenstag in die Herbstnebel und sitzt auf dem absteigenden Ast und wenn ihn die Leute ärgern wollen, legen sie den Ton auf die letzte Silbe.

Freuen wir uns, wir alle im Land, die heute Namenstag feiern, daß wir nach einem Heiligen getauft sind, der auch ein guter und außergewöhnlicher Mensch war. Ganz können wir es ihm nicht nachtun, aber Einzelnes können wir immerhin auswählen und ihm darin nacheifern. Du, Jängi, bist vielleicht für die Heuschrecken? Dann nehme ich den wilden Honig.

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    Katalognummer BW-AK-008-1702