In den Kammerdebatten tauchte dieser Tage wiederholt das Wort „luxemburgisch“ mit einer Betonung auf, in der sich etwas wie Stolz und Trotz mischte.
Eine Partei warf der andern vor: Wir haben luxemburgische Politik getrieben, Ihr nicht!
Man darf diese Vorwürfe nie so tragisch nehmen, Es glaubt meist keiner, was er in diesem Betracht dem andern vorwirft, oder er übertreibt jedenfalls gewaltig.
Aber daß man sich etwas auf luxemburgische Politik zugut zu tun anfängt, daß sich die Perteien darum streiten, wer die beste luxemburger Politik gemacht hat, das deutet darauf hin, daß die Valuta unseres Luxemburgertums im Steigen ist.
In den Jahrzehnten vor dem Weltkrieg war es Glaubensartikel, daß bei der nächsten Auseinandersetzung mit den Waffen unsere Selbständigkeit in die Brüche gehen würde. Die gewiegtesten Staatsleute des Landes sahen nach dem 2. August 1914 die Zukunft sehr trübe. Das wahrscheinlich schon vergessene Kaiserwort, daß ein siegreiches Deutschland es nicht auf eine Annexion unseres Ländchens abgesehen hätte, konnte uns nicht trösten, da wir am Eintritt in den deutschen Saatenbund nicht vorbeigekommen wären. Als sich das Waffenglück nach Westen wandte, schien auch unser politisches Geschick nach derselben Windrichtung überkippen zu wollen. Und es fehlte nicht an Auchluxemburgern, die schon pränumerando die Umkehrung der Farbenstreifen an unserer Landesfahne aus der horitzontalen in die vertikale Richtung feierten.
Draußen auf dem Lande aber fragten einen die Leute angstvoll und sorgenerfüllt immer wieder: Was soll aus uns werden?
Ich biß immer stark den Zuversichtlichen heraus und sagte: „Was wir werden sollen? Wir bleiben, was wir sind. Was will denn der Preuß oder der Franzos mit so einer Handvoll unbotmäßiger Kostgänger anfangen? Und wer will sich heute im Herzen von Mitteleuropa noch das Odium einer solchen Vergewaltigung aufladen, nachdem das Beispiel von Elsaß-Lothringen gezeigt hat, daß heute auch der beste Magen nicht mehr stark genug ist, solche Bissen zu verdauen? Ihr werdet sehen, es geht besser, als wir meinen!“
Fast wäre ich zu glauben versucht, daß selsenfestes Hoffen und Wünschen sich an die Ereignisse hängt, wie Kork an ein versunkenes Schiff, und ein Glück an die Sonne heben kann, das schon am Untergehen war.
Mit dem Einzug der Ententetruppen in Luxemburg waren die Würfel gefallen und wir hetten gewon- nen. Von da an wußten wir: Wenn wir Luxemburger bleiben wollen, werden wir es bleiben.
Manche, wie gesagt, wollten es nicht. Um uns herum war jahrelang so Gewaltiges geschehen und wir hatten uns davon so klein und ärmlich abgehoben, daß sich viele ihres Luxemburgertums zu schämen begennen hatten. Die warfen sich inbrünstig an die Brust des Auslandes, in dem sie alles Große, Schöne, Gute, Reiche, Heldenhafte verkörpert sahen.
Erst allmählich haben wir uns wiedergefunden. Beim gezwungenen Vergleich mit dem Ausland wurden wir gewahr, daß die Mischung, die wir darstellen, doch auch ihr Gutes hat und daß dabei manch durchaus tüchtiger Kerl herauskommt. Schwach und klein und ärmlich sind wir nur, wenn wir nicht mehr sein wollen, was wir sind, wenn wir den Nachbarn rechts oder den Nachbarn links in Reinkultur nachäffen wollen. Unser Wert liegt in der Mischung, das sollten wir nie vergessen, in der Steigerung oder der harmonischen Abstimmung einzelner Qualitäten durch eben die Mischung.
Wir haben auch das Gute, daß wir der Gefahr der Selbstüberhebung entrückt sind, denn wir kommen nicht in den Fall uns einzubilden, wir hätten eine historische, eine Welimission zu erfüllen. Wir bescheiden uns klug bei der glücklichen Verantwortungslosigkeit, an die uns die Geschichte gewöhnt hat, wir sind trotz diesem egoistischen Einschlag, gute Kerle, die dem Nachbar das Hemd vom Leibe schenken, wenn es sein muß, aber um sich schlagen, wenn man ihnen ungefragt die Hosen ausziehen will.
Ich bleibe bei dem Glauben, daß das Ententeorchester einen sehr falschen Griff täte wenn es im Mittelpunkt Europas ein Exempel von politischer Nötigung statuierte, indem es der tiefgewurzelten Liebe der Luxemburger zu ihrer Unabhängigkeit nicht voll Rechnung trüge.