Original

27. Juni 1920

Daß nach dem Krieg Vieles aus dem Leim gegangen ist, sieht man unter anderm am Gebaren der Frauen. Ich meine natürlich nicht die Frauen, die ruhig wie immer im Glied marschieren - wenn man auf sie dieses militärische Bild anwenden darf - ich meine die Führerinnen der Frauenwelt, die Großen, die ihrem Geschlecht neue Wege suchen und neue Rechte erkämpfen wollen.

Diese, so scheint mir, treten jetzt viel lauter und geschlossener auf, als in der Zeit vor dem Krieg. Sie sind überzeugt, daß der Mann die Karre verfahren hat, und daß sie sich jetzt davor spannen müssen, um sie herauszuziehen. „Gib mir den Bädeker!“

Frauenkongreß reiht sich an Frauenkongreß, die Frauenwelt tritt in Dutzenden von Untereinteilungen auf den Plan, um dem Mann zu sagen, wie es gemacht werden muß. Die Bewegung, die vor dem Krieg langsam und normal ihrer natürlichen Erfüllung zuzutreiben schien, schäumt wieder durch allerhand Seitentäler, eine ruft lauter und eindringlicher, als die andere, wo das Heil für die Frau, für den Mann, für die Welt zu suchen sei.

Und es hebt allüberall das Backen von Extrafrauewürsten an.

Dies gewaltsame Zerschlichten der Menschheit in zwei scharf getrennte Hälften ist vom Übel. Die Natur hat sie ja auch getrennt, aber wenn man richtig zusieht, hat sie es in ihrer Schläue nur deshalb getan, um die beiden Hälften desto sicherer beisammen zu halten.

In allen Angelegenheiten, die mit dieser natürlichen Trennung nichts zu tun haben, in allem allgemein Menschlichen sollen die Schranken fallen. Und liegen bleiben, wenn sie sich nicht von selbst wieder aufrichten.

Das war, so weit man das Ganze übersah, die vernünftige Lösung, der wir in der Frauenfrage vor dem Krieg zutrieben. Oberstes Gesetz: Gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle im Verhältnis zu ihren Anlagen und ihrer Leistungsfähigkeit. Nicht Frau, nicht Mann: Mensch. Die Anpassung im Einzelnen vollzieht sich nach Naturgesetz im Laufe der Zeit zweckmäßiger, als es die gescheitesten Kongreßresolutionen zuwege bringen können. Ihr seht es auf den Gebieten, auf denen die uneingeschränkte Freiheit herrscht. Nehmt die Kleidung: Mann und Frau unbehindert in der Art, wie sie ihre Blöße bedecken, sich gegen die Unbill der Witterung schützen und ihre natürlichen Reize zur Geltung bringen und erhöhen sollen. Niemand schreibt der Frau vor, daß sie sich von der Taille herunter mit einem Gewebe rund herum drapieren, niemand dem Mann, daß er die Beine getrennt in Tuch- oder Drilchröhren stecken soll. Und doch bringt keine Modewelle hierin dauernd eine Umwälzung zuwege, nur Filmkünstlerinnen gehen in Hosen und katholische Geistliche in langen Röcken.

Warum wollt Ihr denn auf einmal wieder Eigenbrödelei treiben auf Deubel komm raus. Ihr Fahnenträgerinnen der Frauenbewegung! Es bestehen doch oft zwischen Mann und Mann - wenn wir von der Anatomie absehen - ebenso weite Unterschiede, wie zwischen Mann und Frau. Ein Choleriker gleicht in Temperament, Veranlagung, Talent, Charakter einem Phlegmatiker, ein Sanguiniker einem Melancholiker oft viel weniger, als Frau Müller Herrn Schulze gleicht. Sollen darum die Phlegmatiker nach Bern, die Sanguiniker nach Kopenhagen, die Choleriker nach Amsterdam und die Melancholiker nach Christiania gehen, einen großen Saal mieten und sagen: Wir wollen die Grundlagen zu einer melancholischen, sanguinischen, cholerischen, phlegmatischen Verfassung legen, wir wollen die Weltordnung auf unser Temperament zuschneiden!

Machen wir es so: Kaufen wir zwei Bädeker! Jeder darf nach seinem Plan gehen, und wenn eins zum andern will, so weiß es, was es zu tun hat. Ich bin sicher, vor den schönsten Aussichten trifft man sich doch immer wieder ganz von selbst.

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    Katalognummer BW-AK-008-1704