Original

29. Juni 1920

Trotzdom ich von Terpichen äußerst wenig verstehe, geriet ich gestern durch Zusall in eine marokkanische Teppichausstellung, die ein unternehmender junger Landsmann bei Brosins veranstaltet.

Man sollte sagen, bei der herrschenden Hitze schaudere jedermann vor dem bloßen Gedanken an dicke wollene Gewebe zurück. Ich dachte es einen Augenblick. Bis ich die Teppiche sah. Da erprobte sich die alte Wirkung: Im Winter wirken sie warm, weil sie das Gefühl wecken, daß die kalten, feuchten Dünste vom Boden her deine Sohlen nicht erreichen können, im Sommer wirken sie kühl, weil du sofort denkst, wie angenehm es sei, barfuß auf dieser mütterlich weichen Unterlage zu schreiten. Und auferdem, Wolle kann kühl, angenehm kühl sein. Es ist Leben in ihr. Sie betrent dich. Zwar meinen es die Lente ironisch, wenn sie zu einem, der im Sommer einen dicken Überzieher trägt, spöttisch sagen: Was gegen die Kälte gut ist, ist auch gut gegen die Hitze. Aber stehe in der Sommerhitze auf Wolle oder stehe auf irgend einem Ersatz, so wirst du merken, wie aufdringlich erhitzend der eine und wie diskret die andre wirkt.

Ich sagte, daß ich nichts von Teppichen verstehe. Höchstens daß ich grosse modo einen Perser von einem Türken und beide von einem Araber unterscheiden kann. Aber ich kann viertelstundenlang vor einem schönen Teppich stehen und die Muster und Farben und die Technik bewundern. Du mußt, damit ein Ding auf vich wirke, auf seine Ursprünge zurückgehen. Wenn Dinge einen Adel haben, so gehören die Teppiche zum Uradel. Das heißt, die echten. Mit die stärksten Eindrücke, die uns in der Kindheit ein Buch geschenkt hat, waren die Einblicke in die Welt des vorchristlichen Orients, die uns die Bibel vermittelte. Wessen Phantasie hätte nicht weiter gewebt durch die Kette jener Bilder, in denen die Kamel- und Schasherden, die Oasisbrunnen mit schönen Indenmädchen beim Wasserholen, das Hirten- und Nomadenleben, das Leben in Tempeln und Palästen ein schillerndes Dasein führten? Dahinein komponiert man dann die ersten Teppichknüpfer. Sieht aus der Wolle die dicken, reichen Fäden gesponnen, sicht sie gefärbt im Saft der Purpurschnecke, sieht den kupserbarnenen Wüstenbewohner mit der Hackennase, wie er für seine junge Frau aus der Wolle seiner Schafe den ersten Teppich knüpft - Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, du zertrittst dir ja deine Füßlein schön! Sieht den Priester Jehovas Teppiche auf die Steinplatten des Tempels breiten, damit er nicht das Reißen in die Glieder bekommt, sieht den König Salomon in all feiner Pracht und Herrlichkeit zu der auch die Teppiche gehörten, die aber lange nicht so schön gewesen sein können, wie die, die unsre Geschäfte heutzutage in ihre Schaufenster legen, oder mit denen marokkanische Händler auf den Pariser Boulevards haufieren.

Die orientalische Teppichweberei, Knüpferei und Stickerei ist in ihren Formen auf Ewigkeit eingerichtet. Sie hat aus einem ganz raffinierten Instinkt für das Wesentliche heraus gefühlt, daß es auf Stylisierung aller Formen ankam. Sie hat die Formen mumifiziert, um ihnen Ewigkeitsdauer zu geben. Und sie hat in ihrer Komposition gleich das Monumentale, das Architekionische zur Hauptsache gemacht. Sie gehört künstlerisch nicht in das Menschen-, Tier oder Pflanzenreich, sondern in’s Mineralreich.

Sie ist ursprünglich eine Volkskunst, aber sie hat Wege gefunden, an denen entlang die sichersten Gesetze der Ästhetik und des Geschmackes stehen und das Ausbrechen verhüten.

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    Katalognummer BW-AK-008-1705