Original

30. Juni 1920

Es wäre ein Wort über die neuen Uniformen unfrer bewaffneten Macht zu sagen. Und zwar von ihrer psychologischen Wirkung auf das Publikum. (Ich meine nicht nur die kleinen Mächens, sondern das Publikum der Steuerzahler, das einen Anspruch darauf erhebt, daß der Staat, wenn er als Wächter des Gesetzes, als starke Hand in die Erscheinung tritt, auch entsprechend repräsentiert und ihm, dem steuerzahlenden Publiko, keine Unehre macht.)

Darüber scheint heute die öffentliche Meinung einig zu sein, daß die Mannschaftsuniform der Freiwilligenkompagnie „sehr nett“ aussieht, daß aber die neue Tracht der Gendarmen das ästhetische Gefühl der Massen gradezu beleidigt. Warum? weiß niemand genau zu sagen. Manche sprechen von einer Ähnlichkeit mit den Wach- und Schließleuten. Das wäre im Prinzip ja kein Fehler, denn man darf annehmen, daß eine Wach- und Schließgesellschaft, die ihre Untform aus dem Vollen wählen darf, keine häßliche wählt. Soviel muß ich sagen, wenn früher zwei Genbarmen mit blinkendem Tschako und mit schlohweißen Fangschnüren auf der gewölbten Hünenbrust im Schritt vorbeigingen oder auch ruhig auf Posten standen, so machte das einen ganz andern Eindruck von Kraft, Autorität, wie wenn sie heute in ihrem neuen, stillen Waffenrock und dem dunklen schwarzblauen Käpi, das Kappesmesser an der Seite, vorübergehen. So smart und imposant und unnahbar sie früher waren, so schlaff, bürgerlich, ungewappnet und trgendwie sohen sie heute aus. Man denkt an die Kretfe mit den weichen Schalen, die ein Feind mit der Scheere entzwei schneiden kann. Ich will mit dem Vergleich den Gendarmen beileibe nicht zu nahe treten. Ich weiß genau, daß die Eigenschaften, die sie früher auszeichneten, mit in die neue Uniform übergegangen sind. Ich rede nur von dem Eindruck auf die Massen und gebe wieder, was sich so herumerzählt und sogar schon in der Kammer zum Ausdruck gekommen ist. Damals wurde gesagt, die Gendarmen haben sich ihre Uniform selbst gewählt, und damit ist das letzte Wort gesprochen, sie müssen am besten wissen, was für sie das bequemste und zweckmäßigste ist. Und der Eindruck auf die Massen ist einzig und allein Sache der Zeit, der Erinnerung, der Gewohnheit.

Damit habe ich den Grund der Beliebtheit der neuen Freiwilligenmontur und der Unbeliebtheit der neuen Gendarmenuniform angegeben.

Unsre Soldaten tragen heute durch die Straßen der Stadt etwas wie etwen Querschnitt durch die Uniform der siegreichen Ententeheere. Sie erinnern hauptsächlich an die Sammies, die zuerst bei uns einzogen und zuerst aus unseren Kehlen die Jubelrufe auf die Befreier entbanden. Glorreiche und glückliche Erinnerungen werfen ihren rosigen Schein auf die neuen Waffenröcke unsrer jungen Krieger, und mit Rührung und Sympathie sehen unsre Schonen auf den Scheiteln ihrer luxemburger Freier keck und schief dieselbe Lagermütze sitzen, mit denen die Jack und Bill ihre Herzen gewonnen hatten. „De Schako um Mordjeß“, singt Dicks.

Die Soldaten nehmen auf diese Art Teil an einer Nachwirkung, die nicht von ihnen ausging. Die Glorie der Siege aus den Oktober- und Novembertagen 1918 und der Widerschein der rauschenden Feste aus der Zeit nach dem Waffenstillstand strahlt auf sie über.

Aber mit den Gendarmen ist es das grade Gegenteil. Den Respekt, den ihre alte Uniform einflößte, hatten sie höchsteigenhändig erworben im tagtäglichen Guerillakrieg gegen Gesindel und Spitzbuben, Räuber und Mörder aller Stufen und Gattungen. Sie hießen die geschnürten Schutzengel, sie hatten wie oft blutige Schlachten geschlagen, Mann gegen Mann, ihre Fangschnüre bedeuteten noch ganz lebhaft die Fesseln, in denen sie den Verbrecher vor seinen Richter führten. sie trugen für das Ganze wirklich ihre Haut zu Markt. Das alles verkörperte sich für uns in der alten, strammen Gendarmenuniform.

Wir müssen uns an die neue eben erst gewöhnen. Wenn wir die neu ausstaffierten Wächter von Gesetz und Ordnung ein paarmal öffentlich am Werk gesehen hätten, wie bei den Putschen der Kriegs- und Nachkriegsjahre, so würde uns die neue Uniform gleich in einem andern Licht erscheinen.

Einerlei, ein bischen frendiger härte ich sie mir doch gewünscht. Schon im Interesse der Zuchtwahl.

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    Katalognummer BW-AK-008-1706