Original

1. Juli 1920

Ich will über dies schreiben und über das und es wird nichts. Der Regen läßt mich nicht los. Denn eben regnet es vor meinem offenen Fenster in sanften Strömen.

Der Morgen war „bronkeg“, schwül, grau. Aber in der Luft war nicht der Griesgram, der sonst unteum grauen Himmel umgeht. Es war die süße Bangigkeit, die sich gleich in Tränen lösen wird.

Jetzt regnet es. Ich ging durch den Park und die ersten Tropfen klatschten leise auf die Blätter. Diese nickten ausgelassen und sagten Tusch! Wie Bübchen, die von der Mutter einen freundschaftlichen Klaps bekommen. Und verlangten nach mehr. Staubgeruch stieg auf. Ich nahm den Hut ab und fühlte die kühle Liebkosung der Tropfen auf dem Scheitel.

Jetzt sitze ich da und will die Gedanken in eine Richtung zwingen. Sie brechen aus und stehen sofort wieder am offenen Fenster und nehmen nichts auf als Regen, Regen! Sie fühlen sich dem Wesen der Dinge nah, das in Fließen beruht. Alles fließt.

Denk an den Zauber, den ein Mühlenwehr, ein strudelnder Bach, eine lodernde Flamme auf uns übt, daß wir sitzen müssen und unsre Gedanken hineinziehen lassen in das Fließen, das Werden und Vergehen, wie der Flachs vom Rocken in’s summende Spinnrad gezogen wird.

Der Regen kann unter Umständen sehr unangenehm werden. Aber hast du je von ihm eine unangenehme Erinnerung behalten? Selbst die schlimmsten Regenabenteuer, bei denen es ruinierte Toiletten und aufgeweichte Hüte und Schuhe gab, erscheinen später schlimmstenfalls im Licht tragikomischer Erlebnisse. Im allgemeinen denkt man an den Regen mit innigem Genuß zurück. Hast du nie als Büblein deine Papierschiffchen im gurgelnd überströmenden Straßengraben schwimmen lassen, hast du nie mit einem Sack als Kapuze und Rückendeckung bei der Kuhhut dem Platzregen lachend standgehulten, nie mit leise glucksenden Hühnern und Nachbars Lisi unter einem Karren gesessen und großen, leuchtenden Auges in den Wasserperlenteppich geschant, der um euch herumhing und dich selig geborgen gefühlt wie in Abrahams Schoß? Wo mich auch der Regen überraschte, und mag er im Augenblick noch so unwilltommen gewesen sein, hinterher gibt er der Erinnerung einen feuchtfrohen Hintergrund. Ob wir triefend vor Nässe im Hotel Jungfrau Scheidegg eintrafen, oder uns vor einem Gewitterschauer in die Konstantinsbasilika auf dem Forum retteten oder bei Melini in Florenz saßen und den züchtig geschürzten Florentinerinnen zusahen, die auf dem spiegelnden Bürgersteig plattfüßig vorübertrippelten, ob ich in Salzbung, wo es auch in gewöhnlichen Jahren 366 Tage lang regnen soll, vor dem Segen von oben zum heiligen St. Peter und seinem roten Gräzer flüchtete, ob ich in Italien, Spanien, Holland, im Norden oder Süden, auf festom Land oder offener See im Regen saß oder ging oder stand, immer denke ich daran ohne Mißbehagen und meist mit innigem Rachgefühl der empfundenen Lust.

Das schöne Wetter läßt einem nicht immer die gleiche Erinnerung. Eine hell besonnte Landschaft ist schön. Aber Kinder! Der Durst! Und das Schwitzen! Und das Schwitzen und der Durst! Und dann, die unheimliche Stille des schönen Wetters! Als ob der Weltmotor stünde. Leben kommt erst mit dem Regen wieder hinein. Alles fließt. Stoff wird Kraft, Kraft wird Bewegung. Der Kreislauf geht sichtbar an uns vorbei. Und wir sitzen da mit dem Urgefühl, daß wir uns einschalten müssen in den Kreislauf, daß wir zum Bau gehören ........

....................

Um Gotteswillen! Was steht heute für ein Heiliger im Kalender? Doch nicht ein Regenpatron wie der alte Herr Medardus mit der strudelnden Dachtraufe im Wappen! „Sankt Martial“ steht in meinom Kalender. Kommt der in einer Bauernregel vor, die 40 Tage Regen prophezeit? Dann ziehe ich alles zurück!

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1707